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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4229 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Freitag, 15. April 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Splügenbahnprojekt

Briefe

Zürich 15 April 1870.

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

In Ergänzung meiner heutigen Depesche & Ihre telegraphische Antwort erwiedernd theile ich Ihnen mit, daß meine Tessinerbefürchtungen sich auf folgende Thatsachen stützen: a) Hr. Welti meldete mir gestern, Oberstl. Fratecolla, Tessinischer Ständerath & Großrath, bringe ihn zur Kenntniß, daß «ein Antrag auf Verminderung der Subvention in dem bevorstehenden Großen Rathe nicht unmöglich sei, es werde von verschiedenen Seiten darauf hingearbeitet; ebenso wer de die Änderung der Zalungsbedingungen auf Schwierigkeiten stoßen.» Hr. W. bittet mich in Folge dessen, mein möglichstes zu thun, «daß uns eine solche Calamität erspart bleibe» |

b. Hr. Oberst Siegfried sandte mir ebenfalls gestern die beiligende Übersetzung eines Briefes von Forni/Airolo/. Aus diesem Briefe geht hervor, daß Forni ebenfalls die persönliche Einwirkung einer Delegation des Gotthardcomité auf den Tessin'schen Großen Rath & die Eisenbahncommission für geboten erachtet. Daß diese Einwirkung eine verspätete wäre, wenn sie erst einträte, nachdem Hr. Forni «die Gesinnungen der Commission erkannt haben würde», ist selbstverständlich & bedarf keines nähern Nachweises. c. Nachdem das Splügencomité überall Himmel & Hölle in Bewegung setzt, um das Gotthardprojekt zu untergraben – diesen Augenblick erhalte ich eine eigens für den Ctn. Thurgau geschreibenen Brochüre pro Splügen & contra Gotthard –, läßt sich annehmen, daß es auch im Ctn. Tessin, obwohl unter anderer Firma & mit modifizirtem Programme, nichts versäumen wird, um uns zu schaden. Es dürfte| dieß um so gefährlicher sein, da im Ctn. Tessin klingende Gründe unglücklicher Weise ihre Wirkung nicht zu verfehlen pflegen.

Unter diesen Umständen halte ich eine beförderliche Abordnung eines Delegirten nach Bellinzona für unbedingt geboten. Was die Person derselben anbetrifft, so scheint mir, unsere Wahl könne nicht zweifelhaft sein. Von allen Gesichtspuncten aus betrachtet, eignet sich Hr. Oberst Siegfried am besten dazu. Ich hoffe auch, seine bewährte Aufopferungsfähigkeit werde ihn dazu bestimmen, die von ihm begonnene Danaidenarbeit im Tessin zum Ziele zu führen. – Gonzenbach, der sich überdieß nach meiner Ansicht für diese Mission weniger eignen würde als Siegfried, hat gewiß alle seine Kräfte auf das große & wichtige Arbeitsfeld in Italien zu conzentriren & gewiß wäre es nicht im Interesse der Sache, wenn er auch nur vorübergehend demselben| entzogen würde.

Was die Äusserungen in dem Briefe Forni's über Ducoster anbetrifft, so kann ich nur auf die Bemerkungen verweisen, die ich Ihnen – ich glaube, in meinem letzten Briefe – hierüber zu machen die Ehre hatte. Wenn Ducoster als eine auf der Gotthardunternehmung lastende [Servitut?] angesehen werden muß, wozu ich zwar ein Fragezeichen zu setzen mir erlaube, so sollte er doch dazu angehalten werden, an einem Orte zu vegetiren, wo er uns nicht, wie dieß im Tessin der Fall ist, augenfällig schadet!

Ein Fieberanfall, der gestern über mich gekommen ist & hinsichtlich dessen die Ärzte sich nur darüber wundern, daß er sich nicht schon lange eingestellt hat, nöthigte mich, die Sitzung des Ausschusses des Consortiums zu verschieben. Künftigen Montag hoffe ich wieder kampffähig zu sein.

In freundschaftlicher Hochachtung

Ihr

Dr A Escher|

Ich möchte Sie sehr bitten, sich über die Situation in Uri & Zug zu vergewissern, ev. dort einzuwirken.