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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4116 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 23. Mai 1869

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Auf der gestrigen Heimfahrt hat mich der Gedanke lebhaft beschäftigt, ob es nicht gerathen wäre, daß die zwei Bahngesellschaften bei der dritten Proposition, welche sie dem Ausschuße zu Handen der Gotthardt vereinigung zu machen die Gefälligkeit hatten, die Reduktion ihrer Subvention für die G.B. statt auf 4 Mill. auf 5 Mill. fs. abrunden würden. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu wiederholen, daß mich hiebei nicht etwa die Ansicht leitet, es sei für unsere Aufgabe oder eine große That, etwas mehr von den Eisenbahngesellschaften herauszupreßen; ich weiß ja die große materielle & namentlich auch geistige Unterstützung, welche die beiden Gesellschaften & Sie vorab dem Unternehmen gebracht haben & bringen, im| Vollen Maße zu schätzen. Ich mache die Anregung nur im Intereße der Sache. Es will mir nämlich scheinen, daß mit dieser Modifikation die dritte Proposition, von der bei der gegenwärtigen Sachlage wohl allein ernstlich die Rede sein kann, eine durchschlagende & fast unanfechtbare würde. 5 Mill. Subvention & 15-18 Mill. Aktienübernahme wäre eine Leistung, die schließlich doch jedermann wird anerkennen müßen. In der Erhöhung der Subvention läge ein materielles Entgegenkommen, deßen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Die Bahnge sellschaften dürften sich nach meinem Dafürhalten auch um so eher hiezu herbeilaßen, da sie früher bei Annahme einer Verzinsung der Aktienkapitals mit 5% 4 Mill. Subvention anerboten haben & in der inzwischen erfolgten Erhöhung der Verzinsung der Aktien während der Bauzeit eine etwelche Ver größerung der Subventionssumme compensirt würde. –| Wenn die Bahnen ihre Subvention auf 5 Mill. stellen, können wir auch die 15. Mill. schweiz. Subsidien soviel als gesichert betrachten, während uns im andern Falle nahezu eine Million fehlt & ich auf den Zuwachs im Teßin, namentlich wenn die Citiglio linie auf die Tages ordnung kommt, wenig Vertrauen habe. Der Aus fall ließe sich allerdings auch durch die Ueberlaßung der noch verfügbaren 800,000 fs. der Eisenbahnunternehmung Z.Z.L. deken, wogegen ich persönlich nicht viel einzu wenden hätte. Allein es wird die Frage entstehen, ob eine solche Verwendung nicht an die Großen Räthe der Kantone gebracht werden müßte & wie hier die Entscheidung ausfallen würde, weiß man nicht. Jedenfalls erachte ich eine bezügliche Zustimmung der hiesigen Stadtgemeinde sehr zweifelhaft. Für die Tito NOB. würde es dagegen fast auf dasselbe herauskommen, ob sie über die ihr zufallende Hälfte der fraglichen| 800,000 fs. zu Gunsten der Gotthardtbahn verfügt, oder ihre eigene Subvention um 4 bis 500,000 fs. erhöhte. –

Indem ich Sie bitte, diese Bemerkungen nur dem Bestreben zuzuschreiben, so viel an mir liegt zur Be seitigung der uns so vielfach entgegentretenden Schwierigkeiten beizutragen, die Anregung übrigens ganz Ihrer reifern Würdigung unterstelle, verbleibe ich mit dem erneuten Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg

Luzern d. 23. Mai 1869.

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