Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4078 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 19. Mai 1868

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Mont-Cenis-Bahn, Staatsverträge, Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Zu meinem lebhaften Bedauern wurde ich bei meinem jüngsten Besuche in Zürich durch Ihr Unwohlsein des Vergnügens beraubt, Sie anläßlich der Sitzung des Comite der Eisenbahnunternehmung Zürich-Zug-Luzern zu sehen & mit Ihnen über die Gotthardtbahnangelegenheit zu sprechen. Indem ich mich der Hoffnung hingebe, daß sich inzwischen Ihr Gesundheitszustand wieder gebeßert haben werde, erlaube ich mir Sie nunmehr brieflich mit dem Gegenstande zu behelligen. –

Die Verhandlungen mit den deutschen Staaten betr. Abschluß eines Handelsvertrages haben sich also zer schlagen & damit ist auch die erwartete offizielle Zusicherung der deutschen Staaten zur Bethätigung einer schweiz. Alpenbahn wieder in Nichts zerfloßen. Aus den Verhandlungen, soweit sie durch die Preße bekannt geworden, scheint mir hervorzugehen, was wir mehr oder weniger schon wußten, daß nämlich| bei den deutschen Regierungen, insbesonders Preußen, stets fort Neigung vorhanden ist, sich für eine schweizerische Alpenbahn zu bethätigen, indeßen Projekte mit langen Tunnele & 10jähriger Bauzeit sich keiner besondern Gunst erfreuen, sondern eine raschere Ueberschienung der Alpen gewünscht wird. –

Was soll nun der Gotthardtausschuß angesichts dieser Sachlage weiters thun? Ich denke, daß diese Frage wohl den Hauptberathungsgegenstand einer nächsten Sitzung des Gotthardtausschußes werde bilden müßen. Erlauben Sie mir inzwischen eine unmaßgebliche An sichtsäußerung. Während ich das bisher befolgte System – der Bildung einer Gesellschaft vorgängig dem Unternehmen einer Gotthardtbahn die Mitwirkung der intreßirten Staaten zu sichern – noch als das wichtige & natürlich gegebene anerkenne, drängt sich bei mir doch immer mehr die Ansicht auf, daß wir, wie die Dinge einmal stehen, auf diesem Wege fast nicht mehr vorwärts kommen & daß daher vielleicht an der Zeit sein dürfte, doch an die Bildung einer| Gründungsgesellschaft – allfällig für ein oberes Projekt – zu gehen. Ich habe die Ueberzeugung, daß wenn Sie, hochverehrtester Herr Präsident! sich an die Spitze eines Gründungskomite oder einer Baugesellschaft sich stellen würden, dieser kühne Schritt des Vertrauens in die die Realisirbarkeit des Unternehmens das Vertrauen auch in andern Kreisen beleben & das Projekt aus dem Stadium der Vorbereitung in dasjenige der Verwirklichung hinüberführen würde. Ich übersehe nicht die Bedenken & die Schwierigkeiten, welche der Sache entgegenstehen; aber wenn ich dagegen das Gewicht Ihrer hohen Stellung & das so vielseitig ausgesprochene & vorhandene Intereße an dem großen Unternehmen in die Waage fallen laße, so kann ich an einem günstigen Erfolg nicht zweifeln. Ich glaube, daß andere Mitglieder des Gotthardtausschußes ähnliche Anschauungen hegen & daß sie es mit Freuden begrüßen würden, wenn Sie sich zu einem Vorgehen im angedeuteten Sinne entschließen könnten. –

In Anlage beehre ich mich Ihnen noch zwei Briefe des Hrn. Du Coster zu übermachen, von denen der erstere | einige Angaben über die jüngsten Fahrten mit der Fell'schen Bahn über den Mont-Cenis , der zweiten Notizen über die neusten Vorgänge im Kt. Teßin in Eisenbahn sachen enthält. –

In Gewärtigung Ihrer gefälligen Mittheilung betreffend die Abhaltung einer Sitzung des Gott hardtausschußes verbleibe mit dem erneuten Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 19. Mai 1868.