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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4053 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Alfred Escher an Josef Zingg, Interlaken, Samstag, 14. September 1867

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Kuraufenthalte, Regierungsrat LU, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

Interlaken
14 Septber 1867

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Vor allem muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich Ihre verehrl. Zuschriften vom 7. & 8. dß. erst heute beantworte. Ich war aber in der letzten Zeit durch Geschäftsbesuche die ich hier hatte, & durch Ausarbeitungen sehr dringliche Natur, die mir oblagen (z. B. die von Hrn. Welti angelegentlich gewünschte Beleuchtung des gegenwärtigen Standes der Alpenbahnfrage zu Handen des H. Pioda), dermaßen in Anspruch genommen, daß ich materiell die Zeit nicht fand, meinen Verpflichtungen Ihnen gegenüber ein Genüge zu thun. Ich appellire neuerdings an Ihre Nachsicht & Güte, von der Sie mir schon so viele Proben gegeben haben.

Die Anregung der Reg. v. Uri betreffend einstweilige Verbesserung der gewöhnlichen Fahrstraße über den Gotthard sehe | ich genau wie Sie an. Es kann derselben keine Folge gegeben werden. – Die Verbesserung des Transportwesens auf dem Gottharde wäre weit eher in Betracht zu ziehen. Ich gestehe, daß ich aber auch hievon nicht viel erwarte. Denken Sie an Land & Leute, von denen man sich nur vermittelst einer Eisenbahn hinlänglich emancipiren kann! Gleichwol habe ich veranlaßt, daß diese Frage im Schooße der Direction der N.O.B. zur Verhandlung kommt. Ich werde Sie von dem Ergebnisse der daherigen Berathung baldmöglichst in Kenntniß setzen. – Ein Schritt der Reg. v. Luzern bei'm Bundesrath, es möchte derselbe endlich die Alpenbahnangelegenheit an Hand nehmen, wäre nach der Schlußnahme des Bundesrathes vom 7. dß., der wohl weitere nachfolgen dürften, völlig unnütz.

Indem ich Ihnen die gef. Übersendung der Briefe Koller's & Du Coster's bestens verdanke & diese Schriftstücke beigebogen an Sie zurückgelangen lasse, erkläre ich | mich mit Ihrer Ansicht, dass Du Coster sich entmüßigen solle, Ratazzi über die Art der Anhandnahme der Alpenbahnfrage in Italien Räthe zu ertheilen, völlig einverstanden. Und ebenso ist die Antwort, welche Sie Brusco in Genua auf seine zarte Anregung geben zu lassen gedenken, gewiß ganz die richtige.

Die Form des Beschlusses des Bundesrathes in der Alpenbahnfrage ist nicht ganz nach Wunsch ausgefallen. Da indessen Ratazzi für den Gotthard ist, so hat die Sache weniger zu bedeuten. Wenn nun die so wichtige Angelegenheit nur in ebenbürtiger Weise von dem Bundesrathe & seinen Organen im Auslande weiter behandelt wird!– Ich habe Hrn. Pioda in dem bereits erwähnten Briefe gebeten, uns einen Wink zu geben, wenn er neben der Thätigkeit des Schweiz. Gesandten in Italien Schritte der Gotthardvereinigung im Interesse des Gotthard für angezeigt halte. Ich zweifle | nich daran, daß er dem Wunsche getreulich entsprechen wird.

Morgen werde ich an Hrn. Bundesrath Welti schreiben & ihn bei diesem Anlasse ersuchen, uns von allem, was in der Alpen bahnfrage vorgeht, unterrichthet halten zu wollen. Vielleicht gehe ich bald wieder einmal nach Bern, um mündlich mit Hr. Welti zu verhandeln.

Obgleich mit heute der Zeitraum, für welchen ich von Zürich abwesend zu sein gedachte, verstrichen ist, werde ich in Folge einer peremtorischen Weisung des Arztes doch noch nicht nach Hause zurükkehren. Er hat mir einleuchtend aus einander gesetzt, daß es etwas ganz anderes sei, an einem cholerainfizirten Orte, wo man bereits sei, zu bleiben als aus guter Luft in eine solche Athmosphäre hereinzureisen. Ich werde also einstweilen noch hier bleiben &, allen Anzeichen nach zu urtheilen, vielleicht noch für längere Zeit.

Genehmigen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher