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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3993 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 1. November 1866

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Luzern d. 1 Nov. 1866.

Hochgeachtester Herr Präsident!

Wie freut es mich aus Ihrer verehrlichen Zuschrift vom 30 8b die Mittheilung zu erhalten, daß Sie sich immer beßer befinden. Wenn ich mir dabei die Bitte erlaube, daß Sie sich ja auch nicht zu früh wieder in den Strudel der Geschäfte werfen möchten, so geschieht es besonders von dem Wunsche geleitet, daß das Vaterland, wie unsere specielle Unter nehmung sich sodann wieder um so dauer hafter Ihrer einsichtsvollen & kräftigen Führung zu erfreuen haben. –

Am Dienstag hat im Beisein der HH. Schmidlin , Stoll , Burkhardt & Koller die Conferenz mit den Engländern statt | gefunden. Ich habe Hrn. Direktor Stoll ersucht, Ihnen über die Verhandlungen bald möglichst ganz einläßlichen Bericht erstatten zu wollen & beschränke mich daher hier auf die Erwähnung einiger Haupt punkte. –

Die HH. Fowler & Baxter erklären, daß bei unserm Projekte mit dem langen Tunnel & einer Bauzeit v. 10-12 Jahren das er forderliche Baukapital ohne Garantie der Regierungen kaum erhältlich wäre. In Folge der vorgenommenen Studien glaubt dagegen Hr. Fowler eine alle Bedingungen eines gesicherten Betriebes darbietende Bahn über den Gotthardt erstellen zu können, die nur 4 à 5 Jahre Bauzeit er fordern, ca 40 Mill. frs. Subvention weniger erheischen würde & für welche daher, namentlich | wenn ein rationelles Arrangement bezüglich der Fahrtaxen zu erzielen sei, das Capital viel leichter zu beschaffen wäre. Das Projekt v. Fowler würde bis auf die Höhe v. 1690 Met steigen; Steigungsmaximum (v. Göschenen & Quinto an) 50 pr mille, die möglicherweise noch auf 40 pr mille zu reduziren wären; Länge des Tunnels auf der Höhe 6,5 Kilom.; Gesammtlänge der Bahn FlüelenBiasca 86,92 Kilometer. Von Göschenen an aufwärts würde die Bahn durch Gallerien geschützt. Die Leistungs fähigkeit der Bahn wurde auf 300,000 Tonnen Waaren angegeben. – Es wurde bemerkt, daß, wenn man abbezeichneten Vorzüge (6 Jahre weniger Bauzeit & Ersparniß v. 40 Mill. Subvention) für wichtig genug erachte, um v. dem Projekte des langen Tunnels abzugehen, Hr. Fowler bereit | wäre, die Studien fortzusetzen, später einer neuen Conferenz beizuwohnen & die Bildung einer Gesellschaft zu übernehmen. –

Wir beschränkten uns im Verlaufe der Besprechung möglichst darauf, über eine Reihe v. Punkten uns nähere Aufschlüße & schließlich eine schriftliche Proposition zu erbitten, die wir dann dem Comite zur Entscheidung vorlegen werden; so gewichtig die Vortheile des neuen Projektes erscheinen, so könne nach dem bisherigen Verlaufe der Angelegenheit ohne die ernsteste Erwägung & Verhandlungen mit Italien das bisherige Programm nicht verlaßen werden. Man fand dieß natürlich & versprach dem Wunsche um eine schriftliche Eingabe bald nachzukommen. –

Mit dieser vorläufigen kurzen Mittheilung ver binde die erneute Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung & Ergebenheit

J. Zingg.