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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3992 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Alfred Escher an Josef Zingg, Montreux, Dienstag, 30. Oktober 1866

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Kuraufenthalte, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Montreux
30 October 1866.

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Ihr verehrl. Schreiben vom 27 dß. bringt mir die Nachricht von Ihrer gänzlichen Wiederherstellung & hat mich dadurch sehr erfreut. Gewiß ist es nun aber nothwendig, daß Sie sich noch einige Zeit schonen, damit nicht etwa ein Rückfall eintrete. Nehmen Sie in dieser Richtung ein Beispiel an mir, der ich gegenwärtig in Montreux mit Nichtsthun u. s. f. das Ideal eines Spitalbewohners oder, wie wir in Zürich sagen, [«Spitalers»?] zu verkörpern trachte. Ich habe bereits die Scham, die mich im Anfange meines hiesigen Aufenthaltes wegen meiner Tagdieberei beschlich, glücklich überwunden!!

Ihre Mittheilungen betreffend die Ver| handlungen mit Fowler verdanke ich Ihnen bestens. Der «höhere Übergang», den Scott Russel & Gentili vorschlagen & mit dem wohl auch Fowler sympathisiren wird, ist mir nichts überraschendes. Die Herren, welche die Angelegenheit vorherrschend oder ausschließlich vom finanziellen Standpuncte aus betrachten, haben ihre Studien mit dem Programme des höhern Überganges angetreten! Nun, ich denke, es werde mit den Herren sehr vorsichtig verhandelt werden. Bevor mit den Staaten, von welchen die erheblichsten Subventionen für den Gotthard erwartet werden, weiter eingetreten worden ist, dürfen gewiß mit keinen Unternehmern Verhandlungen gepflogen werden, welche einen irgendwie präjudizirlichen Character an sich tragen.

In der Beilage beehre ich mich, Ihnen die Papiere zurückzustatten, welche auf die Anregung des H. Advocaten Cattaneo v. Faido Bezug haben. Daß man auf solche| Dinge nicht eingehen kann, versteht sich von selbst. Es ist in der That bemühend, daß auf Schweizerischem Boden fortwährend solche Scandale, wie diese Tessin'schen Bestechungen vorkommen können!

Mein hiesiger Arzt erklärt mir heute, daß seit 8 Tagen eine sehr erhebliche Besserung in meinem Gesundheitszustande eingetreten sei. Morgen oder übermorgen wird Hr. Dr. Zwicki hier eintreffen & in Verbindung mit meinem hiesigen Arzte darüber entscheiden, was ich nun weiter zu thun habe. War auch noch vor kurzer Zeit davon die Rede, daß ich den ganzen Winter werde in Italien zubringen müssen, so dürfte bei der günstigen Wendung, die in meinem Gesundheitszustande eingetreten ist, dieß nun kaum mehr als nothwendig befunden werden. Indessen will ich dem ärztlichen Entscheide in keiner Weise vorgreifen.

Genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenem

Dr A Escher