Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3987 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Alfred Escher an Josef Zingg, Montreux, Freitag, 19. Oktober 1866

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Diplomatische Aktivitäten, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Kuraufenthalte

Briefe

Montreux
19 October 1866.

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Empfangen Sie vor allem meinen herzlichen Dank für die freundschaftlichen Gesinnungen, denen Sie neuerdings bei Anlaß der günstigern Gestaltung meiner Gesundheitsverhältnisse Ausdruck verliehen haben. Ich weiß diese Gesinnungen in hohem Grade zu schätzen & Sie dürfen versichert sein, daß ich sie aus vollem Herzen erwiedere.

Daß Ihre Bergcur Ihnen gute Früchte brachte, hat mich sehr gefreut. Was für eine Wirkung meine hiesige Cur auf mich ausüben wird, muß sich erst noch zeigen. Die bisherigen Anzeichen sind nicht ungünstig: indessen – muß man den Tag nicht vor dem Abende loben!|

Mit Vergnügen entnehme ich Ihrer verehrl. Zuschrift, daß Sie Schritte gegenüber der Tessiner Association in dem von mir gewünschten Sinne gethan haben. Es wird nun die Rückäußerung zu gewärtigen sein. Ich hoffe, sie werde dahin gehen, daß unser Comité mit der Einreichung eines neuen Conzessionsgesuches einstweilen noch zuwarten möge. Ich glaube, es sei im Hinblicke auf unsere innern politischen Verhältnisse wünschbar, daß vor der unmittelbar bevorstehenden Neubestellung der Bundesbehörden von der Alpenbahnfrage möglichst wenig verlaute. Und ferner will es mir scheinen, wir sollten über das, was wir vom Auslande (Italien, Preußen, Baden & Württemberg) für den Gotthard unter den neuen veränderten Conjuncturen zu erwarten haben, in's Klare gesetzt sein, bevor wir in der| Schweiz weitere ostensible Schritte zur Auswirkung von Conzessionen thun. Nur aus der Situation im Ctn. Tessin hergewonnene zwingende Gründe könnten mich veranlassen, ausnahmsweise für diesen Canton von obigem Programme abzugehen.

Was dann die Frage anbetrifft, ob nunmehr im Auslande Schritte von uns gethan werden sollen, um die Gotthardfrage wieder in Fluß zu bringen, so sind Sie, wie ich Ihrem verehrl. schreiben gerne entnehme, damit einverstanden, daß diese Frage in einer zu diesem Ende hin zu veranstaltenden Sitzung unseres Ausschusses behandelt werden soll. Ich verlange natürlich durchaus nicht, daß mit der Anberaumung dieser Sitzung zugewartet werde, bis ich wieder in die Geschäfte werde eingetreten sein. Sollten Sie aber gleichwol diesen Zeitpunct abwar| ten wollen, so bin ich allerdings noch nicht im Falle, Ihnen zu sagen, wann er eintreten wird. Das aber kann ich Ihnen melden, daß ich mich bereits viel stärker fühle als zur Zeit meiner Ankunft in Montreux & daß bei mir an die Stelle einer gewissen Gleichgültigkeit mit Beziehung auf die Geschäfte ein reges Interesse an denselben getreten ist. Ich hoffe, diese beiden Thatsachen seien von guter Vorbedeutung.

in Betreff des eben besprochenen Capitels glaube ich Ihnen noch zwei Mittheilungen machen zu sollen. Fürs erste hat mir Hr. Bürgermeister Stehlin einen Brief seines Neffen, Hrn. Rathsherr Carl Sarasin mitgetheilt, der sich gegenwärtig in Florenz aufhält & mit Usedom & Jacini über die Alpenbahnfrage gesprochen hat. Der letztere habe die Erwerbung Venetiens zu verwerthen gesucht, um aus derselben das verminderte Interesse Italiens am| Gotthard abzuleiten & um darauf die Behauptung zu stützen, daß Italien desto weniger, die übrigen Betheiligten Länder desto mehr für den Gotthard bezalen sollen. Immer die gleiche Markterei. Ich denke indessen, J. könnte bei seinem Gesetzesentwurfe stehen bleiben. Usedom hinwieder habe ohne weiteres zugegeben, daß in Folge der veränderten Situation die Interessen Preußens noch viel mehr auf den Gotthard hinweisen & daß Preußen darum auch zu höhern Geldopfern sich bereit finden lassen dürfte. – Sodann hat mich Peyer vor einigen Tagen angefragt, ob ich bereit wäre, in Montreux mit James Hudson zu conferiren. Gemäß ärztlichem Befehle mußte ich es ablehnen. Peyer wird nun wohl selbst mit H. zusammengekommen sein. Ich habe hierüber noch keine Nachrichten. Daß H. sich fortwährend mit der Frage beschäftigt, scheint mit ein gutes Anzeichen: denn er ist & bleibt einmal in der Englischen offiziellen Welt sehr| hoch gestellt. Sie werden gewiß bemerkt haben, daß davon die Rede war, ihn an die Stelle von Lord Cowley zum Englischen Botschafter in Paris zu ernennnen.

Ihr freundliches Anerbieten, mit mir in Montreux zu conferiren, wenn die Lage der Geschäfte es mir als nothwendig erscheinen lasse, kann ich Ihnen nicht genug verdanken. Wie gerne ich auch diese Nothwendigkeit als vorhanden erklären würde, so kann ich es mit gutem Gewissen doch nicht thun. Daß mich ein Besuch von Ihnen in dem Paradiese, in dem ich gegenwärtig wieder gesund werden soll, von Herzen freuen würde, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern.

Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenem

Dr A Escher