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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3985 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 2

Alfred Escher an Josef Zingg, Montreux, Dienstag, 9. Oktober 1866

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnstrecken Konzessionen, European Central Railway Limited (ECR), Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Kuraufenthalte, Lukmanierbahnprojekt, Splügenbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Schultheiß! 1

Unsere Correspondenz hat leider eine unfreiwillige Unterbrechung erlitten. Der Grund, welcher dazu Veranlassung gegeben, ist nun nach der Erklärung der Ärzte so viel als gehoben & soweit dieß etwa noch nicht der Fall ist, werden nun hoffentlich die milden Lüfte & die süßen Trauben von Montreux2 das fehlende ergänzen.

Es drängt mich nun eigentlich, den brieflichen Verkehr wieder mit Ihnen aufzunehmen & die Gotthardangelegenheit mit Ihnen zu besprechen: Mein Arzt3, der neben mir sitzt & mich von allen Ausschreitungen zurückhalten soll, ermahnt mich indessen, mich der Kürze zu befleißen, & ich bin in den letzten Monaten so sehr an die Unterwerfung unter die ärztli| chen Befehle gewöhnt worden, daß ich mich auch dieser Mahnung nicht entziehen darf.

Also kurz soll ich mich fassen! Demgemäß kann ich mich füglich aller Betrachtungen über die günstigen Rückwirkungen enthalten, welche die politischen Umgestaltungen in Deutschland auf eine unsern Wünschen entsprechende Lösung der Gotthardfrage auszuüben nicht verfehlen werden, & ich begebe mich daher sofort in medias res4 d. h. zur Erörterung der Frage, was nach meiner Ansicht unser Comité im gegenwärtigen Augenblick zu thun haben dürfte.

Ich glaube, es habe zur Zeit lediglich ein Schritt gegenüber Tessin zu geschehen & zwar ein Schritt informativer Natur. Battaglini5 hat mir am Ende der letzten Session der Bundesversammlung gesagt, er glaube, die Situation werde erheischen, daß unser Comité im Monate October einen Schritt bei dem dannzumal zum letzten Male vor seiner Integral| erneuerung versammelten Großen Rathe von Tessin im Sinne der Erwirkung der Conzession & Subvention thue. Er fügte bei, manche Großrathsmitglieder werden sich so kurze Zeit von der Neuwahl des Großen Rathes hüten, die camorristischen Interessen über diejenigen des Landes zu stellen. Man könnte freilich auch sagen, es sei angezeigter, den Zusammentritt des neuen Gr. Rathes, der, wie mir B. sagte, im künftigen Februar gewählt werden wird, abzuwarten & erst an diesen mit unserm Gesuche zu gelangen. Zur Unterstützung dieser Anschauungsweise ließe sich nämlich anführen, daß ein neuer Gr. Rath freiere Hand habe als der gegenwärtige, der in der Alpenbahnfrage bereits & beharrlich Stellung eingenommen hat. Aber hiegegen könnte auch wieder eingewendet werden, daß ein neuer Großer Rath sich als assecurirt betrachten & unter Umständen deshalb noch scandalöser benehmen dürfte als sein Vorgänger. Im fernern ist ins Auge| zu fassen, daß seit meiner Unterredung mit B. ziemlich geraume Zeit verstrichen ist, daß die Ohnmacht der CentralEuropäischen Gesellschaft, sowie die Tendenz der Bündtner & St. Galler, den Splügen & nicht den Lucmanier zu machen, mittlerweile noch deutlicher zu Tage getreten ist & daß wir unter diesen Umständen jetzt oder im Februar auf eine viel günstigere Stimmung im Ctn. Tessin dürften zählen können als früher. Wenn man aber im Tessin wie anterwärts vor der Hand noch öffentlich bekannt werdende Schritte unterlassen könnte, so schiene mir dieß erwünscht zu sein. Was nun die Situation im Tessin erheischt, das können wir im Comité nicht beurtheilen, darüber muß nothwendig die für die Anstrebung der Gotthardbahn gegründete Tessiner Association angehört werden. Ich möchte Sie daher ermuntern, vertraulich an Veladini6 als Präsidenten dieser Association eine daherige Anfrage zu richten. Die Antwort, die Sie erhalten werden,| muß für unser Comité Maaß gebend sein.

Den andern Cantonen gegenüber, von denen wir Conzessionen für den Gotthard bedürfen, ist wohl für den Augenblick eine abwartende Stellung angezeigt. Dagegen würde ich es für sehr rathsam halten, daß Sie privatim7 auf Beförderung in Betreff der Epuration der Bedingungen, an welche die Verabreichung von Subventionen mehrorts geknüpft worden ist, hinwirken.

Eine Hauptfrage ist nun aber, ob nunmehr Schritte gegenüber von Preußen & Italien geschehen sollen. Daß dieß bisanhin ganz unpassend gewesen wäre, ist wohl selbstverständlich. Auch jetzt noch finde ich solche Schritte nicht dringlich. Der einzige Umstand, der mich zu einer andern Ansicht veranlassen könnte, ist der, daß Jacini8 gegenwärtig Italien. Minister der öff. Arbeiten ist, es schon lange war & darum vermuthlich nicht mehr lange sein wird. Ich denke, es sollte in nicht entfernter Zukunft eine Sitzung des Comité's ver| anstaltet werden, um diesen wichtigen Punct einer gründlichen Besprechung zu unterziehen.

Noch darf ich nicht unterlassen beizufügen, daß die Ansichten, die ich Ihnen hier darzulegen die Ehre hatte, nicht bloß die meinigen sind. Die HHr. Stehlin & Vigier9, welche mich in den letzten Tagen zu besuchen die Freundlichkeit hatten, erklären sich ganz mit denselben einverstanden.

Aber jetzt ruft mir mein Arzt ein gebieterisches Halt zu & beraubt mich dadurch des Vergnügens, mich länger mit Ihnen zu unterhalten. Durch meine Gesundheitsverhältnisse zur Genügsamkeit gezwungen, befreue ich mich, daß mir wenigstens einige Zeilen an Sie zu richten vergönnt war.

Grüßen Sie mir – ich bitte Sie sehr – die HH. Hunkeler10 & Dula11 & genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von Ihrem| freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Montreux
Hôtel des Alpes
9 Octbr 1866.

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «Tessin» .

2Escher verbrachte im Oktober und November 1866 einen Kuraufenthalt in Montreux, wo er sich von einer Erkrankung der Atmungsorgane, vermutlich einem Bronchialkatarrh, erholte. Vgl. Alfred Escher an Josef Zingg, 30. Oktober 1866; Alfred Escher an Kaspar Lebrecht Zwicky, 31. Oktober 1866; Karl Wilhelm von Graffenried an Alfred Escher, 1. November 1866; Karl Wilhelm von Graffenried an Alfred Escher, 6. November 1866.

3Person nicht ermittelt.

4In medias res (lat.): mitten in die Dinge; übertragen: unmittelbar und ohne Umschweife zur Sache kommen.

5 Carlo Battaglini (1812–1888), Grossrat und Nationalrat (TI), Anwalt und Notar in Lugano.

6 Pasquale Veladini (1811–1874), Luganeser Stadtrat, Druckereibesitzer, Präsident der Associazione Ticinese.

7Privatim (lat.): vertraulich.

8 Stefano Jacini (1826–1891), Minister für öffentliche Arbeiten und Mitglied der Camera dei deputati des Königreichs Italien.

9 Josef Wilhelm Vigier (1823–1886), Regierungsrat und Ständerat (SO), Bundesrichter, Verwaltungsratspräsident der Spinnerei Emmenhof in Derendingen, Mitglied der Verwaltungsräte der Solothurner Bank und der Papierfabrik Biberist, Ersatzmann des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung.

10 Anton Hunkeler (1799–1879), Grosser Stadtrat von Luzern, Grossrat und Nationalrat (LU).

11 Niklaus Dula (1814–1883), Regierungsrat (LU), Arzt in Luzern.