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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3980 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Freitag, 12. Oktober 1866

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat LU, Kuraufenthalte, Regierungsrat LU, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachtetster Herr Präsident!

Mit besonders lebhaftem Vergnügen empfieng ich Ihre verehrliche Zuschrift vom 9. dieß , welche mir die erfreuliche Kunde von der Wiederherstellung Ihrer Gesundheit & die Erneuerung eines theuer gewordenen Verkehrs brachte. Schon längst hätte ich unsere Corres pondenz gerne wieder aufgenommen; ich wollte Sie aber nicht mit Briefen belästigen, bis ich Nachricht von Ihrer Erholung erhalten haben würde.

Die Zwischenruhe kam mir übrigens auch einigermaßen zu statten, da | mir Hr. Dula auch für einige Wochen jede Arbeit & Lektüre untersagt & mich für 14 Tage auf den Rigi geschikt hatte, von wo ich kürzlich ziemlich ge stärkt zurükgekehrt bin. –

Mit der beiläufigen Bemerkung, daß ich in Uebereinstimmung mit Ihnen von der politischen Neugestaltung Deutsch lands ebenfalls nur eine günstige Rükwirkung für unsere Unternehmung erwarte, beehre ich mich Ihnen be züglich der in Ihrer Zuschrift namentlich hervorgehobenen Punkte zu erwidern, daß ich vor kurzer Zeit über die Situation in Kt. Teßin bereits einige vorläufige Erkundigungen eingezogen habe. Im Anschluße übermittle ich Ihnen die darauf durch Hrn. Veladini er | haltenen Aufschlüße, die ich nur aus dem oben angegebenen Grunde nicht sofort an Ihre Adreße habe gelangen laßen. Die Antwort machte auf mich den Eindruk, daß unsere Freunde im Ct. Teßin es lieber sehen, wenn ein neues Conceßionsbegehren noch nicht so bald gestellt würde. Vor einigen Tagen ersuchte ich Hrn. Veladini , mich benachrichtigen zu wollen, wem in zwischen in der dortigen Situation eine Veränderung eingetreten sein sollte. Ihre verehrliche Zuschrift gibt mir eine erwünschte Veranlaßung, meine An fragen bei Veladini zu erneuern. –

Ich theile vollständig Ihre Ansicht, daß die weitern Conceßionsverhandlungen in den übrigen Kantonen noch verschoben | werden dürften, daß es dagegen wünschbar wäre, inzwischen die an die Subventionen geknüpften Be dingungen zu erledigen. Was ich zu diesem Zweke bewirken kann, werde ich gerne thun. Hier hat die be treffende Großrathskommißion in der letzten Sitzung des Großen Rathes, welche in die Zeit meines Rigiaufent haltes gefallen ist, über den Antrag des Regierungsrathes betreffend Ver zichtleistung auf die Ausschlußbe stimmung in der Zuger'schen Conceßion mündlich berichtet, der Große Rath aber die Vorlage eines schriftlichen Berichtes beschloßen. Der Antrag der Commission geht dahin, die Ausschluß bestimmung gegenüber dem Ct. Aargau | fallen zu laßen, sofern die direkte Anschlußlinie KüßnachtLuzern gebaut werde. Ich habe s.z. beim Commißions präsidenten gegen eine derartige Ver quikung verschiedener Dinge Vorstellungen erhoben, leider noch ohne Erfolg. –

Die Frage, ob die Verhandlungen mit Italien & Preußen nicht bald wieder angeknüpft werde sollten, hat mich in der letzten Zeit auch mehrfach be schäftigt & ich bin bereit, den Ausschuß zur Besprechung dieses Punktes sobald zu versammeln, als Sie es wünschen. Die letzten Nachrichten v. Du Coster aus Florenz (v. Mitte Sept.) giengen dahin, daß das gegenwärtige Ministerium trotz der feindseligen Polemique eines Theils der Preße wahrscheinlich bis zur Wiedereröffnung der Kammern bleiben | werde & daß zufolge einer «Verein barung mit dem Cabinet von Berlin» (?) eines der ersten Gesetze, welches die Kammern diskutiren werden, das jenige über Subventionirung des Gotthardt zu sein scheine. – Ueber die Situation in Berlin werden Sie wohl durch Hrn. Direktor Stoll beßer unterrichtet sein, als ich. Ich habe durch Hrn. Widmer bloß die Mittheilung erhalten, daß Hr. Dr. Engel unlängst (seit dem Kriege) mit dem Kronprinzen gesprochen, der sich um die Alpenbahn frage intreßire & sobald er Zeit finde, mir einläßliche Audienz proponirt habe. –

Die englischen Ingenieure, welche | durch die Ihnen bekannte Antwort des Gotthardtausschußes sehr befriedigt waren, sind meines Wißens noch mit Studien am Gotthardt beschäftigt, was darauf wird schließen laßen, daß sie sich ernstlich mit dem Projekte befaßen wollen. Hr. Scott Russel bemerkte mir vor einiger Zeit, daß es bei den unter dem englischen Publikum noch vielfach waltenden Zweifeln über die Ausführbarkeit des langen Tunnels nothwendig sei darzuthun, daß sich ein praktikabler Schienenweg über den Gotthardt allfällig auch erstellen ließe, wenn der große Tunnel nicht reußiren sollte, & daß die vorgenommenen Unter suchungen ihn von der Möglichkeit eines solchen Bergüberganges überzeugt haben. – |

Ich habe Sie aber schon allzu lange hingehalten & eile daher mit der Bemerkung zum Schluße, daß ich mit Vergnügen einen Abstecher nach Montreux machen werde, so fern Ihnen zur Erörterung allfällig noch in Frage stehender Punkte eine mündliche Besprechung angenehmer sein sollte, als brieflicher Verkehr; Sie haben diesfalls über mich zu verfügen. –

Mit den herzlichsten Wünschen, daß Ihnen der Aufenthalt in Montreux bald wieder die volle Genesung ver schaffen möge, verbleibe in aus gezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftl. ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 12ten 8br 1866.