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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3931 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 1. April 1866

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Regierungsrat LU

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Nach Durchlesung der Zuschriften, welche Sie mir gestern zuzustellen die Güte hatten & welche ich Ihnen im Anschluße wieder zugehen laße, beehre ich mich Ihnen hiemit in Kürze meine unmaßgebliche Ansicht über die vorwürfige Angelegenheit darzulegen.

Wenn unsere Freunde im Ct. Teßin glauben, durch eine Associatiion von Gemeinden, die statt des Kantons in der ständigen Commißion der Gotthardt vereinigung Sitz & Stimme hätte, der Sache des Gotthardt nützen zu können, so wäre es nach meinem Dafürhalten ein Fehler, wenn wir sie dabei nicht unterstützen würden. Die Haltung des Kantons Teßin ist für unsere Bestrebungen allzu wichtig, als daß wir uns durch formelle Bedenklichkeiten dürfen abhalten laßen, unsere Stellung in diesem Kanton wieder zu ver beßern. Die formellen Bedenklichkeiten, welche| man gegen die Vertretung der beabsichtigten teßinischen Association bei den Gotthardtkonferenzen haben könnte, scheinen mir übrigens auch untergeordneter Natur zu sein. Allerdings spricht die Uebereinkunft vom 8. Aug. 1863 nur v. Kantonen & Eisenbahnverwaltungen als Glieder der Gotthardtvereinigung. Allein der Zwek derselben war & ist doch eine Vereinigung aller schweizerischen Intereßenten zur Verwirklichung des Gotthardtbahnunternehmens & ich sehe keinen ge nügenden Grund, an der Stelle eines zurükgetretenen Kantons einer größern Municipalität oder einer Association v. Gemeinden, die zusammen wohl einen Kanton Nidwalden an Bedeutung aufwiegen, nicht den Zutritt zu der Vereinigung zu gestatten, wenn sie den vorliegenden Zwek moralisch & materiell zu unter stützen bereit ist. –

Ich glaube daher, der Gotthardtausschuß sollte sich für die Zuläßigkeit einer Aktiven Vertretung der teßinischen Association bei den Gotthardtkonferenzen| aussprechen, bis der Kanton als solcher wieder vertreten sein wird, in welch' letzterm Falle die Association ihren Zwek erreicht hätte. Es scheint mir unzweifelhaft, daß die ständige Commißion s. Z. dieses Vorgehen gutheißen würde. –

Was das Begehren des Herr Müller & Mitg. in Bellinzona anbelangt, so macht es auf mich den Eindruk, daß man das Erscheinen eines gotthardtfreundlichen Blattes in Bellinzona mit einem angemeßenen Beitrage unterstützen sollte, sofern nicht von Battaglini davon abgerathen wird. Da man aber noch nicht aufgeklärt ist, um welche Summe es sich hiebei handeln mag, so sollte meines Erachtens hierüber noch eine nähere Erkundigung eingezogen werden, was vielleicht am paßendsten durch Hrn. Widmer geschehen dürfte. –

Ich schlage vor, den Gotthardtausschuß auf künftigen Mitwoch Nachmittags 3½ Uhr nach Olten einzuberufen, da ich Vormittags noch einer Sitzung des RRthes beiwohnen sollte. Wenn Sie damit einverstanden sind, so bitte ich Sie, gütigst Hrn. Stokar davon verständigen zu wollen.

Genehmigen Sie bei diesem Anlaße den erneuten| Ausdruk ausgezeichnetster Hochachtung

v. Ihrem freundschaftlich ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 1. April 1866.