Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3819 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 10. September 1865

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, European Central Railway Limited (ECR), Gotthardbahnprojekt, Regierungsrat LU

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ich gebe mir die Ehre, Ihnen in Anlage ein neuestes Schreiben des Hrn. Koller aus Turin zur Kennt nißnahme zu übermitteln, mit dem Beifügen, daß ich eine Copie des selben auch Hrn. Direktor Stoll zu gestellt habe. –

Bei einer Zusammenkunft, welche ich letzten Freitag noch mit Hrn. Staatsrath Pioda hatte, hat derselbe den Schlußartikel des Conceßionsentwurfes nochmals zur Sprache gebracht. Die Schwierigkeit, uns über diesen Punkt mit Hrn. Pioda zu verständigen, scheint daher zu kommen, | daß wir von verschiedenen Voraus setzungen ausgehen. Wir haben ange nommen, der Kanton Teßin ertheile dem Gotthardtkomite die verlangte Conceßion & präsentire sie dann nachher mit dem fragl. Schlußartikel der europ. Centralbahngesellschaft oder Hrn. Genazzini mit der Anfrage, ob sie ihr Vorzugs recht geltend machen wolle oder nicht. Hr. Pioda ist nun aber der Meinung, daß gemäß art. 6. der bestehenden Conceßion der europ. Centralbahnge sellschaft alsbald von unserm Con ceßionsgesuche Kenntniß gegeben werden müße & daß sie die Geltendmachung ihres Vorzugsrechtes vor der Conceßionser theilung an das Gotthardtkomite er klären müße. Wenn das Gotthardtkomite | bei der Einreichung des Conceßionsgesuches im Canton Teßin schon im Besitze der Ur nerischen Conceßion wäre, so würde nach der Ansicht v. Hrn. Pioda die centraleur. Eisenbahngesellschaft in die Unmöglichkeit versetzt, ihr Vorzugsrecht geltend zu machen & damit das Terrain im Ct. Teßin geebnet. –

Wenn die Ansicht, die Cent. Europ. Gesellschaft müße sich vor der Conceßionsertheilung an das Gotthardtkomite über ihr Vor zugsrecht aussprechen, richtig sein sollte, so dürfte dadurch die Sachlage allerdings einigermaßen verändert werden & Anlaß vorhanden sein, den Gegenstand nochmals zu erörtern. Ich wollte nicht ermangeln, Ihnen vorläufig hievon Mittheilung zu machen. –

Gestern hat der Regierungsrath eine | Zuschrift an den Stadtrath erlaßen, worin derselbe eingeladen wird, in Erläuterung des Gemeindebeschlußes v. 18. Aug. 1861 eine Erklärung beizubringen, daß unter der durch diesen Beschluß ausgesprochenen Aktienbetheiligung am Gotthardtbahn unternehmen v. 1. Mill. frs. Aktien II. Ranges verstanden seien. Mit dem Präsidenten des Stadtrathes & einigen Mit gliedern habe ich die Sache bereits mündlich besprochen. Ich glaube, es wäre nicht überflüßig, wenn Sie nun gelegentlich mit Hrn. Knörr ein ernstliches Wort sprechen & ihm bemerken würden, wie höchst sonderbar es erscheinen müße, wenn sein nächster Verwandter & Ange stellter (Stadtrath Berchtold) eine oppo sitionelle Stellung gegen die Unter stützung des Unternehmens einnehme, | in öffentlichen Versammlungen die Nützlichkeit oder Bedeutung der Gott hardtbahn für die Stadt Luzern in Frage ziehe & dergl. – Es dürfte wohl nichts schaden, allfällig auch dem Hrn. Dagob. Schumacher ein ermunterndes Wort zukommen zu laßen. Nur in Folge Ihres gütigen Anerbietens erlaube ich mir, Sie mit diesen Dingen zu behelligen. –

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Präsident! die erneute Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 10. 7b. 1865.