Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3760 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 12. März 1865

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Seit Empfang Ihrer verehrlichen Zuschrift vom 5 fl. Monats , die ich Ihnen bestens verdanke, hatte ich Gelegenheit mit Hrn. Koller mündliche Rüksprache zu nehmen. Derselbe zeigte sich dabei nicht ungeneigt, die Stelle eines ständigen Commißärs des Gott hardtausschußes in Italien für einsweilen zu über nehmen & äußerte sich auch dahin, daß die Stellung, welche wir dem Hrn. Müller anzuweisen beab sichtigten, nach seinem Dafürhalten bei demselben keinen Anstoß erregen werde. Nach Mittheilung unsres Beschlußes v. 23 Februar überließ ich Hrn. Koller, die Uebereinkunft mit Hrn. Müller in der ihm paßend erscheinenden Weise auszufertigen, mit dem Bemerken, daß wir den guten Willen & Eifer des Letztern nicht zu schwächen wünschen. –

Ich habe die Ehre, Ihnen in Anlage nunmehr die | mir heute zugegangene schriftliche Erklärung des Hrn. Koller mitzutheilen, daß er sich einsweilen dem Amte eines Commissärs in Intereße der Sache unter ziehen wolle. Aus den beifolgenden Zeilen des Hrn. Müller ersehen Sie auch, wie derselbe seine Thätigkeit begonnen hat. –

Hr. Oberingenieur Bekh hat mich heute mit seinem Abschiedsbesuche beehrt & mir die erfreuliche Mittheilung gebracht, daß das technische Gutachten nun zum Abschluße gebracht ist. Die Vorberathung von Anträgen an den Ausschuß, der auf den Zeitpunkt des Erscheinens des Gutachtens zu versammeln sein wird, sowie die neue Regulirung der Besoldungs verhältniße des Hrn. Koller &a. m. wird wohl einen baldigen Zusammentritt unsrer Commission erheischen. Für eine solche Sitzung wäre ich in der zweiten Hälfte dieser, oder der ersten Hälfte der folgenden Woche ver fügbar; vom 22-25 fl. Monats ist dagegen meine Zeit schon in Anspruch genommen. Sofern Sie nun | nicht überhaupt eine weitere Hinausschiebung der Sitzung für zwekmäßig erachten, möchte ich Sie gerne bitten, einen Tag zur Commißionssitzung vorschlagen zu wollen. Hr. Ingenieur Koller ist bereit, der Commission über seine Mißion noch mündlichen Bericht zu erstatten, wenn dieß gewünscht wird. –

Von Seite des Grimselbahnkomite ist bis dato ein Gesuch an den Ausschuß um gemeinschaftliche Grimsel studien nicht eingelangt. Es wäre nicht unmöglich, daß man das Erscheinen unsres Gutachtens abwarten will & so centralpaßfreundlich ist, den Eindruk des selben durch irgend eine Diversion dann wieder zu schwächen. Die Vorgänge in Bern & im Bundesrath hause kommen mir immer sonderbarer vor. Auf der einen Seite Uebelwollen & auf der andern Seite eine fast übergroße Zurükhaltung, für die als gut erkannte Sache mit einer gewißen Energie einzustehen!

Ich hatte in den letzten Tagen auch wieder Anlaß wahrzunehmen, wie es in gewißen Kreisen des | Kantons Bern verdrießt, daß wir in so freundlichen Beziehungen zu Zürich stehen. Die Mittel, welche nun unsere Freunde in Bern anwenden, um Luzern anzuziehen & Zürich den Rang abzulaufen, dürfen jedenfalls das Prädikat der Eigenthümlich keit ansprechen. – Ich gebe indeßen die Hoffnung nicht auf, daß der Sinn für ein großes nationales Werk schließlich doch über alle kleinlichern Intereßen den Sieg davon tragen werde. –

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr & Freund! die erneute Versicherung ausgezeichneter Hochachtung

von Ihrem ergebenen

J. Zingg.

Luzern den 12 März 1865.