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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3756 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Alfred Escher an Josef Zingg, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 26. Februar 1865

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Simplonbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Ihre verehrl. Zuschrift vom 25 dß. erwiedere ich folgendermaßen:

ad 1. Ich bin ganz damit einverstanden, daß Hrn. Cattaneo seine Ansprache an die Genuesens bestens verdankt & daß er ermächtigt werde, die Zahl der Exemplare, in welcher die Ansprache vervielfältigt, & die Adressen, an welche ihre Versendung erfolgen soll, festzusetzen. Diese Versendung wird dann von der Veladini'schen Druckerei zu besorgen sein.

ad 2. Die Empfindlichkeiten, die fortwährend von Hrn. Koller & denjenigen, mit welchen er unsere Beziehungen vermittelt, an den Tag gelegt werden, sind recht lästig. Indessen dürfen wir uns durch solche Dinge nicht verstimmen lassen: vielmehr müssen wir jeweilen so weit entgegenkommen, als es ohne Nachtheil für die Sache geschehen kann. In der caussa Müller sollte, wie die Dinge liegen, nach meiner Ansicht noch gar keine Verfügung des Ausschusses erlassen, also auch die am letzten Donnerstag verabredete & mir von Ihnen gütig übersandte Schlußnahme vorläufig nicht ausgefertigt, sondern die Rückkehr des Hrn. Koller abgewartet werden. Wenn dann Sie oder meinetwegen die Commission die Besetzung des ständigen Commissariates mit Hrn. Koller mündlich durchspricht, so wird es – denke ich – nicht| schwer sein, Hrn. Koller von der Zweckmäßigkeit der am letzten Donnerstage verabredeten Verfügung zu überzeugen & er wird dann die geeigneteste Person sein, um diese Verfügung Hrn. Müller zur Kenntniß zu bringen & in passender Weise zu commentiren. Von diesen Erwägungen geleitet, übergebe ich also die fragliche Verfügung noch nicht dem Secretariate, sondern lasse sie angebogen wieder an Sie zurückfolgen. Mit der Fassung derselben bin ich übrigens ganz einverstanden.

ad 3. Dem Briefe des Hrn. Landerer vermag ich nicht viel practische Ergebnisse zu abstrahiren. Die Hrn. Villa & Genazzini scheinen gegenwärtig die Tessiner, die in solchen Dingen theils Kinder, theils etwas weniger unschuldiger sind, ganz für sich eingenommen zu haben. Das scheint mir nun kein großes Unglück zu sein, seit wir wissen, daß Rothschild (die Lombardischen Bahnen) nicht für den Lucmanier gegen den Gotthardt Partei nimmt & daß übrigens Rothschild nicht einmal im Hintergrunde der fraglichen Unternehmer steht. Unter diesen Umständen scheint es mir, wir können die Freude der Tessiner an Villa & Genazzini einstweilen ruhig gewähren lassen & es sei lediglich der Bundesrath bei allen vorkommenden Anlässen in dem Entschlusse zu bestärken, durch fortgesetzte Überwachung der Arbeiten dafür zu sorgen, daß, was gemacht wird, gut gemacht wird.— Die Agenten, von denen H. Landerer spricht, sind mir alle dem Namen nach, die meisten aber auch persönlich bekannt. Bevor man solche Agenten anstellt, muß man sich sorgfältig fragen, was man mit ihnen erreichen will. Um auf die offiziellen Regio| nen & auf die Presse zu wirken, scheinen mir die genannten kaum die rechten Personen zu sein.

Es gereicht mir zum Vergnügen, Ihnen beiliegend einen Brief Roggenbach's, der mir letzten Freitag zugekommen ist, zu übermitteln. Sie werden demselben ohne Zweifel mit Befriedigung entnehmen, daß die Gotthardtidee in Deutschland entschiedene Fortschritte macht. Die Entscheidung Würtemberg's für den Gotthardt scheint mir bei der geographischen Lage dieses Landes ungemein wichtig & erwünscht. Ich habe sofort eine Abschrift des Schreibens Roggenbach's Hrn. Dubs zugestellt, damit er bei der Behandlung der Instruction an die Schweiz. Commissäre für die Unterhandlungen mit dem Zollvereine vollkommen orientirt sei.

Über den Stand der Pläne, Profite u. s. w. zu dem technischen Gutachten wollen Sie aus dem beiliegenden Schreiben von H. Beckh befriedigende Mittheilungen zu entnehmen die Güte haben.

Durch das commerzielle & das technische Gutachten erhält das Gotthardtproject eine Stellung in der öffentlichen Meinung, die als eine entschiedene Errungenschaft bezeichnet werden muß. Durch diese Gutachten wird in ebenso gründlicher als gewissenhafter Weise nachgewiesen, daß vom commerziellen Standpuncte aus ganz überwiegende Gründe für den Gotthardt sprechen & daß dieser Paß hinwieder vom technischen Standpuncte & von demjenigen der Baukosten aus mit jedem andern Bergübergange die Vergleichung aushält. – In Deutschland gestalten sich die Aussichten für eine finanzielle Unterstützung einer Gotthardtbahn, & zwar wohl| in einem ganz bedeutenden Maaße, von Tag zu Tag günstiger. – In Italien haben wir jedenfalls gerade auch in den offiziellen Regionen beträchtlich an Terrain gewonnen. Ganz besonders aber ist hier zu erwähnen, daß Rothschild (die Lombardischen Bahnen) an einen beliebigen Alpenpaß mit einziger Ausnahme des Simplon eine Subvention von 10 Millionen Franken zugesichert, somit mit Beziehung auf die Frage, ob Lucmanier oder Gotthardt, seine Neutralität offiziell erklärt hat.

Dieser nur mit großen Anstrengungen erzielten Gestaltung der Dinge gegenüber macht denn doch die Grimselbahnversammlung in Bern einen ganz eigenthümlichen Eindruck!!

Ich will hier abbrechen. Vielleicht haben Sie die Güte, das Schreiben Roggenbach's & die gegenwärtigen Zeilen Herrn Bürgermeister Stehlin zur Einsicht zu übermitteln.

Genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Belvoir
26 Februar 1865

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «26 Feb. 65.»