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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3704 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Donnerstag, 10. November 1864

Schlagwörter: Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Lukmanierbahnprojekt, Regierungsrat BE, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Zürich 10 Novber 1864.

Hochgeachteter Herr Regierungsrath!

Ihr geschätztes Schreiben vom 6 dß. liegt zur Beantwortung vor mir.

Ich war gemäß Verabredung gestern in Bern & habe mit den HH. Dubs, Schenk & Knüsel Rücksprache genommen. H Frei-Herosé ist auf einer amtlichen Reise abwesend. Die Eröffnungen, die ich den Herren in Betreff der in Aussicht stehenden Aufnahme eines die Alpenbahn betreffenden Artikels in den zur Unterhandlung eingeleiteten Handelsvertrag zwischen dem Zollvereine & Italien zu machen im Falle war, waren ihnen ganz neu & haben sie in hohem Grade interessirt. Meine An| regung, daß die Schweiz die Aufnahme eines auf die Alpenbahn bezüglichen Artikels in den zwischen ihr & dem Zollvereine abzuschließenden Handelsvertrag verlangen solle, wurde von den drei Herren im durchaus zustimmenden Sinne entgegengenommen. Hr. Dubs speziell erklärte sich des vollständigsten damit einverstanden & war durch die günstige Wendung, welche die Gotthardangelegenheit nunmehr nehmen zu wollen scheint, überrascht & – ich füge gerne hinzu – erfreut. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Bundesrath für die Unterhandlungen mit dem Zollvereine Instructionen im Sinne des von dem Gotthardtausschusse geäußerten Wunsches, ohne daß derletztere dabei irgendwie hervortritt | ertheilen wird. Es kann also der mit Beziehung auf diesen Punct von dem Ausschusse ertheilte Auftrag als erledigt betrachtet werden. – Von der Angelegenheit der Missionen in das Ausland habe ich Hrn. Dubs gar nicht gesagt & noch viel weniger, wie sich von selbst versteht, den übrigen Mitgliedern des Bundesrathes davon gesprochen.

Beiliegend beehre ich mich, Ihnen ein neues Schreiben des H. Pioda, das ich erhalten habe, zu gef. Einsicht zu übermitteln, zur Berichtigung desselben habe ich zu bemerken, daß ich Hrn. Pioda nicht gesagt habe, unsere Abordnung nach Italien würde vorziehen, daß im Januar dorthin zu reisen: ich habe nur darauf aufmerksam gemacht, daß H Stehlin & ich vom 21 Novber an bis Weihnachten | in nationalräthlichen Geschäften in Anspruch genommen seien & daß wir zwischen Weihnachten & Neujahr die Schweiz nicht verlassen könnten. Es scheint mir übrigens, die Anberaumung der Conferenz auf den Januar müsse darum als eine erwünschte erscheinen, da bis dann das technische Gutachten vollendet sein dürfte. – Nachdem früher von Seiten der Lucmanierfreunde immer von längern Tunneln, die der Gotthardt aufweise, von höherm Hinaufsteigen mit der offenen Bahn bei den Gotthardtprojecte u. s. f. gesprochen worden, diese Behauptungen sich nun aber gemäß der mittlerweile gepflogenen genauen Untersuchungen als leere Vorspiegelungen herausstellen, ist man nun auf das Auskunftsmit| tel gekommen, zu behaupten, es sei bei gleicher Höhe auf dem Gotthardt kälter als auf den concurrirenden Alpenpässen. – Man wird darauf Bedacht nehmen müssen, auch diesen Stratageme entgegenzutreten. Ich werde mich mit unsern Männern der Wissenschaft darüber berathen, wie dieß am passendsten geschehen könne.

In Betreff der Plane & Längenprofile zu dem technischen Gutachten hat ein Mißverständniß Statt gefunden, zu dem ich Veranlassung gegeben haben dürfte. Die Plane & Profile in größern Maßstabe sind im Verhältnisse von 1:10,000, diejenigen im kleinern Maaßstabe im Verhältnisse von 1:100,000 ausgeführt.

[Geordnetes?] in Betreff der Zahl der Exemplare des technischen Gutachtens| & seiner Beilagen übergehend, kann ich mich mit Ihrem Wunsche, daß wenigstens ein Situationsplan im Maaßstabe von 1/100,000 jedem Exemplare des technischen Gutachtens begegeben werden möchte, nur einverstanden erklären. Ich habe nun die Kosten, die dadurch veranlaßt würden, & den Aufwand an Zeit, den die Ausführung sowie der Plane erheischen dürfte, berechnen lassen. Das Resultat ist mir noch nicht bekannt, wird aber für die abschließliche Entscheidung über die Verwirklichung Ihres & meines Wunsches ziemlich Maaß gebend sein.

Herr Bürgermeister Stehlin hat mir heute einen Besuch in Zürich gemacht. Ich habe diesen Anlaß benutzt, um mit ihm die Frage der| Einberufung der ständigen Commission & des Ausschusses durchzusprechen. Wir sind der übereinstimmenden Ansicht, daß die ständige Commission in der Woche vor dem am 5 Dezbr erfolgenden Zusammentritte der Bundesversammlung & zwar gegen das Ende dieser Woche zusammen kommen sollte, daß der Ausschuß gegen Ende der nächsten Woche für die Behandlung der Vorlagen an die ständige Commission Sitzung halten & daß für die daherigen Verhandlungen des Ausschusses eine Commissionalvorberathung Statt finden sollte. Wir stellen uns Ihnen zu diesem Ende hin zur Verfügung & wären bereit, Ihre Einladung auf Dienstag oder Donnerstag der nächsten Woche Mittags 12 Uhr nach Olten Folge zu geben. – Die| Einberufung der ständigen Commission auf die dem Zusammentritte der Bundesversammlung vorangehende Woche scheint uns darum angezeigt, weil ihr dannzumal die Resultate des technischen Gutachtens werden mitgetheilt werden können & weil gerade im Hinblicke auf die Grimselschneckentänze der Bern'schen Regierung sowie mit Rücksicht auf die Möglichkeit, daß schon in der Dezembersitzung der Bundesversammlung nicht von unserer, aber von der andern Seite die Alpenbahnfrage zur Sprache gebracht werden könnte, der baldige Eintritt Stämpfli's in den Ausschuß als sehr wünschbar erscheint.

Doch, es ist Nachts 10 Uhr! Ich schließe mit der erneuerten Versicherung freundschaftlicher Hochachtung

Ihr ergebener

Dr A Escher