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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3699 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Samstag, 5. November 1864

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Handelsverträge, Lukmanierbahnprojekt, Staatsverträge

Briefe

Zürich 5 Novber 1864.

Hochgeachteter Herr Regierungsrath!

Vor allem übermittle ich Ihnen in Beilage ein weiteres Schreiben Pioda's. Es hat sich mit dem Briefe gekreuzt, den ich gleichzeitig mit der Aberlassung der Zuschrift des Ausschusses an Jacini Herrn Pioda geschrieben habe, wie dieß von dem Ausschusse gewünscht worden ist.

Es ist ferner von mir dafür gesorgt worden, daß an Hr. J. C. von Meiß in Mailand von einer ihm befreundeten Seite geschrieben werde & daß ihm der daherige Brief vor der offiziellen Zuschrift des Ausschusses zukomme.

Herr Beckh residiert nun also in Zürich & ist vom frühen Morgen bis zum späten| Abende mit der Vollendung des technischen Gutachtens beschäftigt. Es ist mir endlich gelungen, durchzusetzen, daß dieses Gutachten, wo es auf die Tracirung der Linie übergeht, folgende Anordnung erhält: Zunächst wird das Trace FlüelenGöschenen (untere Linie)–AiroloBiasca einläßlich beschrieben. Dann wird die obere Linie von Göschenen bis Airolo als Variante, deren Ausführung nicht empfohlen wird, behandelt. Endlich wird auch der Variante & zwar nicht in durchaus verwerfendem Sinne gedacht, gemäß welcher 2 Spiralen durch 2 Kopfstationen ersetzt werden könnten. Alles unter Angabe der entsprechenden Modificationen in dem Kostenvoranschlage. Ich glaube, daß diese Anordnung dem Puncte, bis zu welchem| die technische Prüfung herangereift ist, am besten entspricht & daß sie auch für die Vergleichung mit dem Lucmanier die dem Gotthardt günstigste ist.

Wenn die beiden Kopfstationen als Variante in das Beckh-Gerwig'sche Gutachten aufgenommen werden & da Wetli, wie es scheint, den von den HH Beckh & Gerwig vorgeschlagenen tiefern Tunnel zwischen Göschenen & Airolo adaptirt, so dürfte kein immenser Unterschied zwischen dem Tracé Beckh-Gerwig & dem Tracé Wetli mehr übrig bleiben. Der Kostenvoranschlag der beidseitigen Gutachten wird die größte Differenz aufweisen. Wenn das Erscheinen des technischen Gutachtens Beckh-Gerwig & des die Rentabilitätsrechnung für das Gotthardt-& das Lucmanierproject| enthaltenden Fazit's aus dem commerziellen & dem technischen Gutachten durch die Absicht, das Wetli'sche Gutachten mitaufzunehmen, allzu sehr verzögert würde, so dürfte es besser sein, das letztere nicht abzuwarten, sondern es abgesondert erscheinen zu lassen, wodurch nicht ausgeschlossen wäre, daß in jenem Fazit auf den geringern Kostenvoranschlag Wetli's geeignete Rücksicht genommen werden könnte. Es wäre mir erwünscht, hierüber Ihre Ansicht zu vernehmen.

Herr Director Stoll & ich sind der Ansicht, es dürfte die Auflage des technischen Gutachtens sammt Plänen folgendermaßen zu bestimmen sein:

deutsche Exemplare 3000
französische " 3000
Pläne & Längenprofile im 1/20,000 100|
Pläne & Längenprofile im 1/10,000 1000.

Wir glauben, daß, wenn man bei der letztern Position weiter gehen wollte, die lithographische Anstalt, die auch durch die Vervielfältigung der Beilagen zu dem commerziellen Gutachten stark in Anspruch genommen ist, den Anforderungen nicht zu genügen vermöchte. Wir glauben überdieß, daß solche Pläne in der Zahl von 1000 hinreichen werden, wenn bei der Versendung mit Umsicht & Wahl zu Werke gegangen wird. Wollen Sie diesen Vorschlag gef.c prüfen &, wenn Sie mit demselben einverstanden sein sollten, eine entsprechende Präsidialverfügung erlassen.

Und nun die Reise nach Bern betr. die Abordnungen in's Ausland & betreffend den Handelsvertrag zwi| schen der Schweiz & dem deutschen Zollvereine! Wenn ich Ihnen meine sachbezügliche Ansicht offen & unumwunden, wie ich es gewohnt bin, mittheilen soll, so geht sie dahin, daß es wohl besser gethan wäre, wenn wir nicht zusammen, sondern einer nach dem andern nach Bern gehen würden. Wenn Sie in Betreff der Abordnungen mit dem Bundespräsidenten verhandeln, so erheischt die Schicklichkeit, daß ich nicht dabei sei. Und wenn die Angelegenheit der Aufnahme eines Alpenbahnartikels in den Handelsvertrag zwischen der Schweiz & dem deutschen Zollvereine mit den einzelnen Bundesräthen besprochen werden soll, so werden diese Unterredungen vielleicht rückhaltloser & darum erfolgreicher ge| pflogen werden können, wenn von unserer Seite zunächst nur Eine Person bei den HH Bundesräthen vorspricht. Ich erlaube mir daher, die unmaaßgebliche Ansicht zu äußern, es dürfte am angemessensten sein, wenn ich etwa am künftigen Dienstag oder Mitwoch & Sie am Freitage, bz.weise Samstage nach Bern gehen würden. Wenn ich diesen Vorschlag gegen mein persönliches Interesse, das mich wünschen ließe, in Ihrer mir so werthen Gesellschaft nach Bern zu gehen, mache, so werden Sie um so mehr davon überzeugt sein, daß ich ihn durch die Sachlage geboten erachte. Darf ich Sie bitten, mir Ihre Ansicht über diesen Punct nach Empfang dieses Briefes telegraphisch mittheilen zu wollen. Ich muß dann sofort entsprechende weitere Anord| nungen treffen.

Soeben schreibt mir Graffenried, daß er vor einigen Tagen mit Hr. Rogier dem Belgischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, eine längere Unterredung gehalten & bei demselben lebhafte Sympathieen für den Gotthardt wahrgenommen habe.

Genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Ihre Mittheilung betr. Herrn Schindler hat mich sehr gefreut. Ich werde hier (bei der Creditanstalt) im Sinne einer Erleichterung & Unterstützung der auf ein Arrangement gerichteten Bestrebungen wirken.