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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3689 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 27

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Mittwoch, 5. Oktober 1864

Schlagwörter: Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Personelle Angelegenheiten, Reisen und Ausflüge, Schweizerische Centralbahn (SCB)

Briefe

Zürich 5 October 1864.

Hochgeachteter Herr Regierungsrath!

Noch bin ich Ihnen Antwort auf Ihre verehrl. Zuschrift1 v. 27 v. M. schuldig. Ich habe dieselbe verschoben, bis ich im Falle sei, Ihnen mit Beziehung auf die Materie der Missionen weitere Mittheilungen zu machen. Es ist außerordentlich mühsam, in dieser Materie vorwärtszukommen & wenn ich Ihnen auch jetzt noch nicht einen Bericht über gänzliche Erledigung der Angelegenheit der Missionen erstatten kann, so wollen Sie dieß nicht etwa einem Mangel an Thätigkeit von Seiten des H. Bürgermeister Stehlin & von meiner Seite, sondern lediglich den Schwierigkeiten zuschreiben, welche sich uns in den Weg gestellt haben.

Ich will mich darauf beschränken, Ihnen die Resultate2 mitzutheilen, ohne Ihnen eine| einläßliche Darstellung der sachbezüglichen Verrichtungen des H. Stehlin & meiner Wenigkeit vorzulegen.

1. Mission nach Italien.

Nach Herr Stählin-Brunner3 hat auch Herr Feer-Herzog4 diese Mission abgelehnt. Für den Rayon von Italien haben wir also bis jetzt lediglich die zusagende Erklärung des H. Fierz5.

Inwiefern unter den zur Zeit in Italien obwaltenden Verhältnissen die Abordnung sich bald oder erst später nach Italien zu verfügen habe, ist eine Frage, welche ich im Einverständnisse mit H. Stehlin zum Gegenstande einer Correspondenz mit H. Pioda, welcher die Situation in Italien am besten kennt, gemacht habe. Ich erwarte die Antwort des H. Pioda spätestens auf künftigen Montag.

2. Mission nach England.

Herr Rieter-Rothpletz6 ist gegenwärtig mit seiner Gattinn7 , die sehr leidend ist, in Montreux. Wahrscheinlich wird er| den Winter mit ihr in Italien zubringen müssen. Wir fürchten, daß unter diesen Umständen von H. Rieter wird abgesehen werden müssen. Herr Stehlin nimmt mit H. Burkhard-Sarasin8 Rücksprache, wen er für den Fall der Abhaltung des H. Rieter zu seinem Mitabgeordneten bezeichnet zu haben wünsche. Einem Manne gegenüber, wie H. Burkhard-Sarasin einer ist, scheint mir ein derartiges procédé am Platze.

3. Mission nach Frankreich, Belgien & Holland.

Die HH. Fehr-Herzog & Peyer im Hof9 haben diese Mission angenommen, der letztere mit einem Vorbehalte, der nicht viel zu bedeuten haben wird.

4. Mission nach Deutschland.

Die Erklärung des H. Director Stoll, daß er außer Betracht gelassen zu werden wünsche & daß ein Mitglied des Directoriums der Centralbahn für eine der verschiedenen| Abordnungen bezeichnet werden möchte, ist noch unausgetragen. Ich nehme übrigens an, es werde sich dieser Punct schließlich wohl in's Reine bringen lassen. Mit H. Oberst Siegfried10 werden die HH. Stehlin & ich künftigen Samstag Nachmittag eine Conferenz in Olten halten, um seine Betheiligung bei der Mission nach Deutschland mündlich mit ihm zu besprechen. Wir hoffen auf diesen Wege am ehesten zu dem gewünschten Ziele zu kommen.

In Ihrer Eingangs erwähnten verehrl. Zuschrift sprechen Sie den Wunsch aus, über den der ständigen Commission über die Verrichtungen des Ausschusses zu erstattenden Bericht11 mit mir Rücksprache zu nehmen. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten: nur ist meine Zeit bis nächsten Dienstag (incl.) leider in vollem Umfange mit Beschlag belegt. Künftigen Mitwoch werde ich mit unserer Samstagsgesellschaft auf einem Vergnügungsausfluge nach Luzern kommen. Ich hoffe Sie dann wenigstens für einen Augenblick auf Ihrem Bureau be| suchen zu können.

Mit dem technischen Gutachten12 geht es sehr mühsam zu. Hin & herschreiben, Mißverständnisse, Mangel an einheitlicher Leitung der daherigen Ausarbeitungen us. f. Wenn Sie diese Wahrnehmungen auch gemacht & mit mir die Überzeugung gewonnen haben, daß, wenn es mit dem technischen Gutachten so fortgeht, ein Ende fast nicht abzusehen ist, so dürften Sie sich vielleicht veranlaßt sehen, Hrn. Beckh13 einzuladen, sich nach Zürich zu verfügen & das technische Gutachten dort zu vollenden. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß dem technischen Gutachten der HH. Beckh & Gerwig14 noch Mittheilungen betreffend die Wetli'sche15 Arbeit16 (als auch in Betracht commend) & ein facit in Combination der Baukosten & des Nettoertrages des Betriebes beizufügen sein werden. Die Zusätze, welche zu dem Berichte der HH. Beckh | & Gerwig in ein gewisses Verhältniß zu bringen sein werden, müssen natürlich in der Schweiz, ich denke von der Commission für das commerzielle Gutachten17 abgefaßt werden. Ich möchte Ihnen die Verlegung der Residenz des H. Beckh von Stuttgart nach Zürich hin nach Vollendung des technischen Gutachtens sehr zur Erwägung empfehlen.

Genehmigen Sie, hochgeachteter Regierungsrath, die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher

Kommentareinträge

1 Vgl. Josef Zingg an Alfred Escher, 27. September 1864.

2Die personelle Besetzung der Abordnungen ins Ausland stand erst im November 1864 definitiv fest. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 17. November 1864.

3 August Stähelin-Brunner (1812–1886), Grossrat und Ständerat (BS), Verwaltungsrat der Centralbahn und der Basler Handelsbank.

4 Carl Feer-Herzog (1820–1880), Grossrat und Nationalrat (AG), Seidenbandfabrikant, Verwaltungsratspräsident der Aargauischen Bank, Verwaltungsrat der Centralbahn.

5 Johann Heinrich Fierz (1813–1877), Grossrat und Nationalrat (ZH), Textilhandelsunternehmer, Mitglied der Verwaltungsräte der Nordostbahn und der Schweizerischen Kreditanstalt.

6 Adolf Rieter-Rothpletz (1817–1882), Zürcher Baumwollfabrikant, Mitglied der Verwaltungsräte der Schweizerischen Kreditanstalt und der Schweizerischen Exportgesellschaft.

7 Maria Ida Rieter-Rothpletz (Lebensdaten nicht ermittelt), ab 1845 Ehefrau von Adolf Rieter-Rothpletz.

8 Wilhelm Burckhardt-Sarasin (1827–1908), Basler Kaufmann.

9 Johann Friedrich Peyer im Hof (1817–1900), Kantonsrat und Nationalrat (SH), geschäftsführender Verwaltungsrat der Schweizerischen Waggonfabrik Neuhausen, Direktionsmitglied der Nordostbahn, Aufsichtsrat der Schweizerischen Rentenanstalt, Mitglied der Verwaltungsräte der Schweizerischen Kreditanstalt und der Bank in Schaffhausen.

10 Samuel Friedrich Siegfried (1809–1882), Grossrat (AG), Verwaltungsrat und Betriebsinspektor der Bahnlinie OltenLuzern.

11 Vgl. Prot. ständige Kommission Gotthardvereinigung, 1. Dezember 1864.

12Das technische Gutachten der Ingenieure August von Beckh und Robert Gerwig wurde im Mai 1865 veröffentlicht. Vgl. Beckh/Gerwig, Rentabilität; Die Gotthardvereinigung, Absatz 4; Chronologie der Gotthardbahn 1863–1882: Von der Gotthardvereinigung bis zur Betriebsaufnahme, Eintrag 8.

13 August von Beckh (1809–1899), württembergischer Ingenieur, Gutachter und Experte in Eisenbahnfragen.

14 Robert Gerwig (1820–1885), badischer Ingenieur, Referent und Kollegialmitglied bei der Oberdirektion des Wasser- und Strassenbaus des Grossherzogtums Baden, Mitglied des badischen Landtags. – Gerwig war leitender Ingenieur bei der Planung und beim Bau der Schwarzwaldbahn.

15 Kaspar Wetli (1822–1889), Zürcher Ingenieur, Oberingenieur der tessinischen Talbahnen.

16 Wetli vermass zwischen Mai 1861 und Juli 1862 im Auftrag des Gotthardkomitees die Strecke FlüelenLugano und erfasste ihre Topographie. Zugleich erarbeitete er ein Projekt für eine Gotthardbahnstrecke zwischen Flüelen und Lugano, das einen schachtbaren Tunnel zwischen Göschenen und Airolo sowie die Anwendung von Spitzkehren vorsah. Vgl. Prot. engeres Gotthardkomitee, 7. Juli 1862 (S. 172–173); Prot. Konferenz Gotthardeisenbahn 1863; Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Absatz 9; Eschers Kurswechsel und die Gotthardkonferenz von 1863, Absatz 17; Wanner, Gotthardunternehmen, S. 51, 55–56, 74–76.

17Die Kommission setzte sich aus dem Ingenieur Gottlieb Koller, dem Direktionsmitglied der Centralbahn Wilhelm Schmidlin und dem Direktionsmitglied der Nordostbahn Georg Stoll zusammen. Das kommerzielle Gutachten wurde im August 1864 fertiggestellt. Vgl. Koller/Schmidlin/Stoll, Gotthardbahn; Die Gotthardvereinigung, Absatz 4.