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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3684 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Alfred Escher an Josef Zingg, Bern, Sonntag, 25. September 1864

Schlagwörter: Compagnie des chemins de fer de l'Est (französische Ostbahn) (EST), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Presse (allgemein), Schweizerische Centralbahn (SCB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Regierungsrath!

Ich schreibe Ihnen erst heute, weil ich noch vorher mit Herrn Battaglini reden wollte, der gestern zum ersten Male in der Sitzung des Nationalrathes erschien.

Indem ich Ihnen vorerst den Brief des H. Beckh zurücksende, erkläre ich mich mit Ihrer Beantwortung desselben ganz einverstanden. Ich habe Hrn. Beckh vor ca 14 Tagen, als ich bemerkte, daß Mißverständnisse unterlaufen, geschrieben, es handle sich in erster Linie um eine gemeinschaftliche Eisenbahn FlüelenBrunnenGoldau mit Abzweigung an dem letztern Puncte nach WalchweilZug & nach Immensee MeggenLuzern, in zweiter Linie um eine für beide Richtungen gemein| schaftliche Eisenbahn von Flüelen über Brunnen & Immensee nach einem geeigneten Puncte der bestehenden Eisenbahn ZürichZugLuzern. Angesichts dieses, wie mir scheint, außerordentlich klaren Programmes ist mir die Anfrage des H. Beckh unverständlich & ich muß fast fürchten, er sei immer noch in einem Mißverständnisse befangen. Vielleicht wäre es angezeigt, daß Sie ihm noch einmal den Wortlaut des Programmes mittheilen würden.

Herr Bürgermeister Stehlin & ich sind im Laufe der letzten Woche in der Gotthardtangelegenheit nicht unthätig gewesen. Fürs erste haben wir die Conferenz mit den Herrn Care & Walford, die Herrn Cecovi sich beigesellt hatten, gehalten. Die Herren haben auf uns beide eher einen günstigen als einen ungünstigen Eindruck gemacht. Sie haben uns gefragt, welche Subventionen | nach unserer Ansicht für den Gotthardt erhältlich wären. Wir haben von den in unserm Finanzplan enthaltenen 60 Millionen gesprochen. Die Herren werden uns nun auf Grundlage einer solchen Subvention – sie redeten freilich von 75 Millionen – einen Plan für die Ausführung des ganzen Netzes (Tessin'sche Bahnen, BiascaFlüelenGoldau Luzern Zug ) übersenden. Auf diese Weise ist eine Grundlage für die weitern Verhandlungen gewonnen & wird man auch bald in's Klare darüber kommen, mit wem man es zu thun hat. Sodann haben wir in der Angelegenheit der Missionen gehandelt. Herr Stähelin-Brunner hat leider bestimmt abgelehnt trotz allem Zureden, an dem wir es nicht fehlen ließen. Mit Herrn Feer-Herzog habe ich sodann eine sehr einläßliche Unterredung gehabt. Ich fragte ihn, nachdem | Herr Stähelin abgelehnt, zuerst wegen Italien an, um im Einklang mit unsern frühern Schritten ihm gegenüber zu bleiben. Dann theilte ich ihm aber auch mit, nach welchen andern Ländern, bez.weise Ländergruppen wir Missionen zu senden beabsichtigen, & ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er als Verwaltungsrath der Centralbahn sehr gut placirt wäre, mit der französischen Ostbahn, bez.weise den Interessenten an derselben (Pereire) in Rücksprache zu treten. Er hat sich bis Morgen Bedenkzeit vorbehalten: offenbar interessirt er sich für die Gotthardtangelegenheit & wünscht er ihr Dienste zu leisten. Sobald Herr Feer sich erklärt haben wird, werden wir je nach Maaßgabe der Umstände mit Herrn Peyer im Hof Rücksprache nehmen. Herr Fierz hat mir neuerdings erklärt, daß er falls seine Gesundheit ihn nicht hindere – er befindet sich besser –, einer| Mission nach Italien sich unterziehen werde. Drittens haben wir uns mit der Bestellung des ständigen Commissariates beschäftigt. Wir haben ausgemittelt, daß Herr Landerer wieder gesund ist & sich in Bellinzona befindet. Eine gestern abgegangene telegraphische Depesche ladet ihn ein, hieher zu kommen, damit wir mündliche Rücksprache mit ihm nehmen können. Battaglini, mit welchem wir von Landerer redeten, hält ihn für besonders geeignet, das ständige Commissariat zu bekleiden. Ich denke, es sollte uns gelingen, ihn zu sofortiger Annahme desselben zu bewegen. Viertens haben wir die ganze Situation in Italien zum Gegenstande einläßlicher Besprechungen mit Battaglini & den übrigen Tessin'schen Deputirten gemacht. Sie sind der übereinstimmenden Ansicht, daß vor allem in der Italienischen Presse mehr | für den Gotthardt geschehen sollte. Battaglini rieth, daß Sie als Präsident des Ausschusses gewissermaßen privatim an Herrn Cattaneo gelangen & ihn unter Zusicherung angemessener Entschädigung für seine Bemühungen ersuchen sollten, eine Serie von Artikeln in den in Turin erscheinenden Diritto (ein Hauptblatt, das noch nicht Partei genommen) zu schreiben. Dabei hätte er die Meinung, daß diese Artikel dann in einer besondern Brochure abgedruckt würden, wodurch dann auch dem bereits von H. Cattaneo übernommenen Auftrage ein Genüge gethan wäre. Wir sind mit diesem Vorschlage des H. B. um so mehr einverstanden, als er uns sagte, Cattaneo gelte allgemein als eine der besten Federn Italiens. Da Herr Cattaneo ohne alles Vermögen ist, wird es von B. für zweckmäßig erachtet daß | ihm, wenn auch in delicater Form, doch immerhin ein Honorar in Aussicht gestellt werde. Es ist dieß auch nicht mehr als billig. Wir glauben, es sollte in der angegebenen Weise ohne Verzug an Cattaneo gelangt werden.

Was H. Gerwig anlangt, so kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung noch mittheilen, daß, wie ich auf anderm, ganz zuverlässigen Wege vernommen habe, derselbe in Baden für den Gotthardt eigentlich Propaganda macht.

Genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Bern
25 Sept. 1864.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von dritter Hand: «Missionen. » – Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «25 7ber 1864.»