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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3650 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 23. Juli 1864

Schlagwörter: Bundesrat, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahnprojekt, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Mit dem Danke für Ihre verehrlichen Mittheilungen vom 19. d. gestatten Sie mir den Ausdruk meiner innigsten Theilnahme an der wachsenden Kümmerniß, welche der Krankheitszustand Ihrer vortrefflichen Gattin verursacht. Ich fühle schmerzlich mit, wie unendlich schwere Stunden Ihnen die Sorge um die liebe Gefährtin des Lebens bringen muß. Ich wage unter diesen Umständen auch nicht, Sie weiter mit Geschäften in Gotthardtbahnsachen zu behelligen, als Ihnen von dem Gange derselben in Kürze Kenntniß zu geben. –

Ich habe den Gotthardtausschuß auf die nächste Woche nach Olten einberufen, um demselben die eingegangenen Zuschriften: – des Bundesrathes betreffend die Ihnen bekante Antwort des italienischen Bauministers auf unsere letzte Anfrage, der Regierung v. Teßin betreffend Genehmigung der Gotthardtkonvention, der | geologischen Experten & des Gotthardtkomite in London – vorzulegen & sodann insbesondere die Vertheilung & Verbreitung des commerziellen Gutachtens, womit auch die Frage der Abordnung nach Italien in naher Verbindung sein wird, des weitern zu berathen. Ich bedaure außerordentlich, daß wir bei dieser wie mir scheint sehr wichtigen Verhandlung Ihren einsichts vollen Rath vermißen müßen. Ich habe mir er laubt, Hrn. Direktor Widmer zu ersuchen, wenn möglich noch mit Ihrem Freunde, Hrn. Nationalrath Fierz in Rüksprache zu treten, um von ihm die Firmen derjenigen Schweizerhäuser zu vernehmen, an welche das commerzielle Gutachten s. Z. mit dem bereits ent worfenen, vom Ausschuße zu genehmigenden Circular schreiben versandt werden kann. Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, wird das Gutachten in erster Linie dem Bundesrathe für sich & zu Handen derjenigen Staaten, denen die Gotthardtkonvention officiell ratificirt worden ist, mitgetheilt werden müßen, dann den Regierungen der sämmtlichen Gotthardtkantone. Des weitern wird für die Verbreitung in allen | intreßirten Staaten gesorgt werden müßen, worüber ich allerdings gerne auch noch die Ansichten des Hauptverfaßers, des Hrn. Direktor Stoll, vernommen hätte. –

Mit Ihrer Ansicht über die dem englischen Gotthardt komite gegenüber einsweilen einzunehmenden Stellung bin ich ganz einverstanden. Ein Erkundigungsschreiben der hiesigen Regierung an den schweiz. Generalkonsul in London ist bereits abgegangen & ich werde dafür sorgen, daß dem Comite inzwischen eine Antwort in dem von Ihnen bezeichneten Sinne ertheilt wird. In Anlage übermache Ihnen noch einen mir in zwischen zugekommenen Brief des Hrn. Cecovi , der etwelches Licht über die in Handen des Londoner Comite befindlichen Materials gibt. Ich gedenke dem Hrn. Cecovi zu erwidern, daß der Gotthardt ausschuß bereit sei, mit dem Londoner Comite in weitere Besprechungen zu treten, daß wir eben falls überzeugt seien, daß die Schweiz die Aus führung einer Gotthardtbahn mit Millionen unter stützen müße, daß aber ebenso unerläßlich auch die Unterstützung des Auslandes & namentlich | diejenige Italiens sei & ohne diese Unterstützungen, deren Beschaffung aber Zeit erfordern, die Verwirk lichung des Unternehmens kaum möglich erscheine, was in vermehrtem Maße noch bei jedem andern schweiz. Alpenpaß, die auch eine geringere innterne Subvention rechnen können, der Fall sei. Man werde aus den nächsten Veröffentlichungen ersehen, daß der Gotthardtausschuß, wenn auch etwas langsam, doch auf einer festen & sichern Grundlage dem großen Ziele zusteuere. –

Entschuldigen Sie, verehrtester Herr Präsident! daß ich Sie so lange hingehalten. Die Angelegenheit dehnt sich so weit & groß aus, daß es schwer wird, nur etwelche Gesichtspunkte in einigen Zeilen zu be zeichnen. Ich erwarte jetzt nur dann etwelche Worte von Ihnen, wenn Sie etwa mit den angedeuteten Schritten in der einten oder andern Richtung nicht einver standen sein sollten.

Genehmigen Sie bei diesem Anlaße die erneute Versicherung meiner steten ausgezeichneten Hochachtung

von Ihrem ganz ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 23 Juli 1864.