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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3647 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 14. Juli 1864

Schlagwörter: Brennerbahn, Bundesrat, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Wahlen

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihre geschätzten Mittheilungen v. 12. d. , die ich zu einer Zeit, wo neben den vielen Geschäften so schmerzliche Familiensorgen Sie in Anspruch nehmen, doppelt zu würdigen weiß. –

In Anlage folgt der Brief d. Hrn. Oberingenieur Bekh, welchen Sie mir zu übersenden die Güte hatten, wieder zurük. Ich habe demselben mit Intereße entnommen, daß die von Hrn. Bekh vorgenommene Besichtigung der nördlichen Tunnelarbeiten am Mont-Cenis zu einer wesentlichen Modifikation des Voranschlages unsrer Experten führen wird. Hr. Bekh hat mich seither mit einem Besuche beehrt & mir mitgetheilt, daß er auch die Arbeiten auf der Südseite des Mont-Cenis zu besichtigen & den Gotthardt nochmals zu bereisen gedenke – vielleicht auch den Brenner, wozu ich ihn ermuntern zu sollen | glaubte. Ich habe ihm eine Empfehlung an den schweiz. Gesandten in Turin & Hrn. Oberingenieur Sommeiller zugestellt. – Mit Vergnügen entnahm ich sodann Ihrem verehrl. Schreiben auch die vertrauliche Mittheilung über die Instruktion des neuen Badischen Gesandten in Turin. Es sind das etwelche Sonnenblike auf die mit so mancherlei Schwierigkeiten & Enttäuschungen begleiteten Be strebungen für die Gotthardtbahn. –

Die neueste Bundesrathwahl gewährt wenig Hoffnung, daß der Bundesrath sobald, aus seiner schwankenden – sog. neuralen – Stellung heraus kommen &, wie es einer kräftigen Centralbehörde wohl anstehen würde, auch das schweiz. Intereße in der Alpenbahnfrage gegenüber Italien zur gehörigen Geltung bringen werde. Ost & West werden sich brüderlich die Hand reichen, um jede thatkräftige Unterstützung zu verhindern. – Ihrem Wahlprogramm würde ich entschieden beigestimmt haben; es wäre unter den gegebenen Verhältnißen gewiß | ein Akt politischer Klugheit gewesen, der bedeutenden katholischen-conservativen Bevölkerung der Schweiz einen Repräsentanten zu geben. Ich bedaure, daß einige Luz. Repräsentanten nach dem Wegfallen v. Fogliardi, der in H. Vonmatt einen warmen Anhänger hatte, ihre politischen Antipathien gegen einen Conservativen nicht überwinden konnten. Unterwartet ist mir dieß aber nicht, indem die gleichen Herrn sich seiner Zeit mit einer kaum glaublichen Hartnäkigkeit auch einer conservativen Vertretung in unserer Regierung widersetzt haben. Der verknöcherte, nach meiner Ansicht auch kurzsichtige Partheistandpunkt hat sie hier wie dort zu einer Mißachtung unserer Intereßen geführt. –

Dem Hrn. Dula, welcher sich gegenwärtig zur Kräftigung seiner Gesundheit auf dem [Schürberg?] be findet, habe ich Ihre die Bundesrathswahl bezüglichen Bemerkungen mitgetheilt. –

Hrn. Jaccini werde ich sobald als möglich ein Exemplar der Brochure über die komerzielle Bedeutung der Gotthardtbahn übermitteln. Ich habe meine wahre Freude | an der vortrefflichen Arbeit. –

Mit den herzlichsten Wünschen für Ihre werthe Frau Gemahlin verbleibe ich in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern den 14. Juli 1864.