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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3626 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 5. Mai 1864

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Splügenbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Von einem längern Unwohlsein wieder hergestellt, beehre ich mich Ihnen hiemit von einigen Mittheilungen Kenntniß zu geben, welche mir in letzter Zeit in Gotthardt bahnsachen zugekommen sind.

Vorab übermache Ihnen in Anlage zwei Exemplare des gedrukten Berichtes des eidg. Departements des Innern in der Alpenbahnfrage. In Folge der Bemerkungen, welche ich nach dem Wunsche des Ausschußes gegen die Opportunität der Veröffentlichung des fraglichen Berichtes zu machen mir erlaubte, ist der Druk auf 300 Exemplare beschränkt worden & hat mir Hr. B.R. Knüsel mitgetheilt, er sei mit Hrn. Schenk einverstanden, daß von einer | Veröffentlichung durch die Preße dermalen abstrahirt & der Bericht bloß einigen vertrauten Freunden des Gotthardt mitgetheilt werde. Nach Durchsicht des Berichtes mögen dann die verehrlichen Mitglieder des Ausschußes ermeßen, ob & in wie weit eine weitere Mittheilung thunlich sein möge. –

Ueber den Capitalausweis der Comp. Sillar & das Verhältniß des Hrn. Sillar zu der europäischen Centraleisenbahngesellschaft habe ich mich vor einiger Zeit in Bern persönlich & in d. letzten Tagen wieder brieflich erkundigt. Man wußte aber bis dato in Bern noch nicht mehr, als durch die öffentlichen Blätter bekannt geworden ist. Mit beifolgendem Schreiben vom 3. fl. Mts hat mir Hr. Bundesrath Schenk weitere Mittheilung versprochen, sobald er genau wiße, | wie die Sachen stehen. –

Was Hr. Pioda dem Bundesrathe über die Audienzen berichtet hat, die er bei Anlaß der officiellen Abgabe der Gotthardtkonvention mit mehrern Ministern gehabt hat, ist Ihnen vielleicht schon bekannt. Die Minister sollen das regste Intereße an einer Alpenbahn gezeigt haben. Der Bauminister habe dann im Besondern bemerkt: Die neuen nördlichen Provinzen, Mailand an der Spitze, haben Zeit verlangt um die östlich des Lukmanier gelegenen Päße untersuchen zu laßen; da nun diese Studien vollendet seien, so werden jetzt alle Vorarbeiten über die verschiedenen Bergpäße, Gotthardt inbegriffen, geprüft. Aber über den Gotthardt besitze das Ministerium kein Detailprojekt; die Wetli'sche Arbeit sei nur ein Generalplan & genüge nicht, um ein | sicheres Urtheil zu bilden. Er sei geneigt mit der Schweiz & den intreßirten Staaten gemeinschaftliche Studien & Expertisen vornehmen zu laßen. – Was den Verkauf der italienischen Bahnen anbetreffe, so unterhandle man noch mit mehrern Konkurrenten, es sei noch nichts abgeschloßen; immerhin werde sich die Regierung die freie Entschließung in Betreff der Alpenbahn vorbehalten. Der Fortgang der Arbeiten am MontCenis sei folgender: im Monat Februar seien die Arbeiten auf beiden Seiten 87 Metres vorgerükt, was auf 12 Monate 1044 Metres ausmachen würde. Der Kilometer koste 5 à 6 Millionen. Herr Brassey habe eine neue Erfindung für den Alpenübergang gemacht; es lohne sich der Mühe, diese wie diejenige von Agudio zu prüfen. –|

Der Finanzminister habe geklagt, daß Italien jetzt täglich ein Deficit von einer Mill. frs. mache. Es sei übrigens nicht außer Acht zu laßen, daß der größte Theil der Subsidien von den Städten & Provinzen & nicht von der Regierung zu erwarten sein werde, daher sich gegenwärtig die Provinzialräthe lebhafter mit der Sache beschäftigen als die Regierung. Den Bestrebungen Mailands für den Splügen stehe Piemont mit Genua gegenüber, die an den Langensee & durch den Kt. Teßin über den Lukmanier wollen. – Der Ministerpräsident Minghetti möchte vor Allem technische Studien vor Augen haben. Hr. Pioda äußerte den Wunsch, der Bundesrath möchte die genauen technischen Studien über den Gotthardt bald einsenden & sich für gemeinsame Expertisen (für alle Päße) aussprechen. –|

Dieß der wesentliche Inhalt der Mittheilungen, welche mir über den Bericht von Hrn. Pioda zugekommen sind. –

Ich habe mich auch bemüht, die Prüfung des technischen Gutachtens durch Hrn. Landamann C. E. Müller zu befördern. Gestern hat mir Hr. Müller geschrieben: Es thue ihm sehr leid, daß die Sitzung der Commission wegen demBek'schen Gutachten theilweise durch seine Schuld verzögert werde & daß er die zwei ersten Wochen dieses Monats verhindert sei, sich von Altdorf zu entfernen. Dagegen sei er bereit, in der zweiten Hälfte dieses Monats an einem beliebigen Tage für diese Angelegenheit nach Luzern zu kommen, wenn ihm der Tag etwa eine Woche vorher zur Kenntniß gebracht werde. – So sehr ich die Verschiebung bedaure, werden wir dennoch | die Sitzung der Commißion auf die zweite Hälfte des fl. Monats verschieben müßen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, mit Hrn. Direktor Stoll in Rüksprache zu treten, auf welchen Zeitpunkt die Commißionssitzung angesetzt werden könnte & mir sobald möglich hievon Kenntniß geben zu laßen. Ich muß mich sodann noch erkundigen, ob der angezeigte Tag auch Hrn. Direktor Schmidlin genehm sei. –

Schließlich erlaube ich mir, Ihnen in Beilage noch einen mir aus Lugano zugegangenen Brief mitzutheilen, der eine wie mir scheint beachtenswerthe Anregung enthält. Dieselbe dürfte wohl einen Gegenstand der Berathung in der nächsten Ausschußsitzung bilden. – Sollten Sie allfällig eine Ausschußsitzung in den nächsten Tagen für wünschbar erachten, so möchte ich Sie bitten,mir | gefälligst davon Kenntniß geben zu wollen, oder nach Gutfinden auch gleich die Einladungen durch den Hrn. Generalsekretär abgehen zu laßen. Sonst werde ich noch etwas zuwarten. –

Wollen Sie es freundlich entschuldigen, daß ich Sie so lange hingehalten & die erneute Versicherung ausgezeichneter Hochachtung genehm halten

von Ihrem stets ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 5. Mai 1864.