Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3614 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 13. März 1864

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Bundesverfassung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Gleichzeitig mit Ihrer verehrlichen Zuschrift vom 12 fl. Monats erhalte ich endlich auch einige nähere Mit theilungen über die Situation in Bern , wovon ich Ihnen Kenntniß zu geben mich beeile.

Die Anträge des Hrn. B.R. Schenk sollen wesentlich in Folgendem bestehen:

1. Der Bundesrath wolle dem Ausschuß zur Ver einigung der Anstrebung einer Gotthardtbahn er widern, daß er mit Befriedigung von der Ueber einkunft Kenntniß genommen & darin nichts den Rechten des Bundes oder einzelner Kantone zu widerlaufendes gefunden habe; den art. 7. der Bundesverfaßung halte er zur Zeit auf dieselbe noch nicht anwendbar.

2. Den Regierungen v. Italien, Baden , Württemberg, Baiern & England sei von der Uebereinkunft officiell Kenntniß zu geben, mit der Erklärung, daß der B.R. die Wahl des Gotthardt für eine Alpenbahn vollkommen gerechtfertigt halte, diesem | Alpenübergang vor jedem Andern den Vorzug gebe & wünsche, daß dieses Projekt auch bei den genannten Staaten diejenige Unterstützung finde, welche es nach der Ansicht des Bundesrathes ver diene.

3. Der Bundesrath wolle die Eröffnung v. Unter handlungen mit den genannten Staaten beschließen, um sie für den Beitritt zu dem Projekte einer Gotthardtbahn & zur Zusage materieller Unter stützung desselben zu veranlaßen. Zu diesem Zweke wären einerseits dem schweiz. Minister in Turin die nöthigen Aufträge zu ertheilen, & anderseits eine Abordnung an die Reg. v. Italien & die süddeutschen Staaten zu beschließen.

4. Das Ansuchen der Regierung v. St. Gallen um Eröffnung v. Unterhandlungen für den Lukmanier wäre ablehnend zu beantworten. –

In confidentieller Weise wird mir auch mitgetheilt, daß leider die Annahme dieser Anträge im Bundes rathe zweifelhaft sei. Wie es scheint, walten bei Mitgliedern, welche im Allgemeinen der Sache günstig sind, Bedenken gegen ein so entschiedenes | Vorgehen; man befürchtet, daß die Kantone arg hinter einanderkommen, daß eine außerordentliche Bundesver sammlung anbegehrt werden möchte.

Da die Angelegenheit vom Bundesrathe wahrscheinlich im Laufe dieser Woche behandelt werden wird, so könnte vielleicht für das Zustandekommen eines ent sprechenden Beschlußes noch etwas gethan werden. Durch den Ausschuß wird dieß freilich nicht mehr ge schehen können; dagegen dürfte auf privatem Wege noch auf Hrn. Frey eingewirkt werden. Es würde wohl nichts schaden, wenn demselben z. B. durch den HH. RR. Keller oder eine andere ge eignete Persönlichkeit im Aargau noch geschrieben würde. Um das Meinige zu thun, gedenke ich einige Zeilen an Hrn. Landammann Schwarz zu richten. –

Indem ich Ihnen die Mittheilung des Briefes von Hrn. Feer-Herzog verdanke, theile ich ganz Ihre Ansicht, daß die Ablehnung desselben noch nicht als eine feststehende anzunehmen sei, sondern versucht werden müße, ihn doch zur Uebernahme der Mißion zu bestimmen. Ich glaube ganz im Sinne | des Ausschußes zu handeln, wenn ich an Sie die Bitte richte, bei dem von Hrn. Feer in Aussicht ge stellten persönlichen Zusammentreffen mit Ihnen den selben nochmals um die Uebernahme der Mission, zu der ihn seine Stellung & seine Kenntniße in ausge zeichnetem Maße befähigen, angehen zu wollen. Sollten Sie dafürhalten, die daherigen Bemühungen dürften nicht bis dahin verschoben werden, so wäre vielleicht Hr. Landammann Schwarz um seine Ver wendung anzugehen.

Indem ich mit großem Intereße dem Gutachten des Hrn. Stoll über die commercielle Bedeutung der Gotthardtbahn entgegensehe, benutze ich diesen Anlaß, Sie neuerdings meiner aus gezeichneten Hochachtung zu versichern.

Ihr stets ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 13 März 1864.