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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3552 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 20. Oktober 1863

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Soeben von Bern – wohin ich mit Hrn. Schenk noch Montag Abend verreiste – zurükgekehrt, beeile ich mich Ihnen über unsere Mißion mit einigen Zeilen Bericht zu erstatten. – Wir haben sämmtliche Hrn. Bundesräthe, mit Ausnahme des Hrn. Naeff, welcher abwesend war, besucht. Der allgemeine Eindruk, den die Besprechungen auf uns machten war der, daß der Mehrheit der Mitglieder des Bundesrathes unser Gesuch wohl nicht ganz unwillkommen sei, indem es Anlaß gibt, die Entscheidung der Hauptfrage einsweilen noch zu verschieben. Außert den Herrn Stämpfli & Knüsel, welche wie ich glaube Lust hätten, die Sache gleich anzugehen, scheinen mir die übrigen Hrn. Bundesräthe wirklich etwelche Scheu vor der dermaligen Erleigung der obschwebenden Frage zu haben.

Das Departement des Innern hat beim Bundesrath den Antrag gestellt, es solle die Uebereinkunft – man nennt sie auch Konkordat – noch dem Polizei-Justizdepartement überwiesen werden, um die Frage der Legitimität derselben| zu prüfen & zu begutachten. Der Antrag ist vom Bundesrathe noch nicht behandelt. Es hat mir geschienen, daß über diesen Punkt wegen der Mitvereinigung v. Eisenbahngesellschaften auch Hr. Dubs nicht ganz ohne Bedenken sei. Hr. Schenk hat dagegen betont, daß unsere Vereinigung aber doch nicht in die Kategorie der eigentlichen Konkordate falle.

Hr Pioda äußerte sodann weitere Bedenklichkeiten, nämlich es dürfte sich fragen, ob es geeignet sei schon Unterhandlungen zu proponiren oder anzuknüpfen, während der Bundesrath noch nicht im Besitze der Pläne & Gutachten sei; ob es vielleicht rathsam wäre, die ganze Angelegenheit ohne bestimmten Antrag, aber doch mit einer auf ein bestimmtes Projekt hinweisenden Botschaft der Bundesversammlung vorzulegen, zumal jetzt die Wahlen bevorstehen? Der Entscheid der Bundesversammlung würde dem B.R. einen festern Boden geben. Daß übrigens die Bundesbehörden sich einmal über die Frage aussprechen müßen, der Bundesrath auf die Dauer keine neutrale Stellung werde einnehmen können & vom allgemein schweiz. Standpunkt aus der Gotthardt den entscheidenen Vorzug verdiene, erkannte er unumwunden an. Auf unser dermaliges Gesuch einzutreten zeigte sich Hr. Pioda sehr bereit. Letzteres geschah auch v. Seite des Hrn. Frei-Herosee, welcher hinwider die Hauptfrage noch nicht| für hinlänglich reif findet & sich in der Hoffnung wiegt, die Zeit dürfte die Schwierigkeiten ebnen & auch manche jetzt noch grell hervortretende Gegensätze mildern & versöhnen. Auch der Hr. Bundespräsident erklärte uns, daß nach seinem Dafürhalten die gewünschte Erkundigung keinen Anstand finden dürfte. Er wünschte eine schriftl. Notiz über unser Gesuch, die ich ihm zustellte. – Bezüglich der bei einigen Hrn. Bundesräthen gelegentlich zur Sprache gebrachten Conferenz v. St. Gallen & Graubünden mit den Süddeutschen Staaten & der ital. Regierung, ward – insbesonders bestimmt v. Hrn. Stämpfli, erklärt, daß man eine solche jedenfalls nicht dulden werde. –

Dieß als kurzes Résumé unsrer Besprechung. Ich glaube hienach, daß unser dermaliges Gesuch bald Willfahrung finden wird; ob aber dieser Anfrage beim italienischen Ministerium noch Weiteres beigefügt werden wird, weiß ich nicht. Hr. Knüsel hatte die Idee, die Uebereinkunft mit Bezugnahme auf die früher in Sachen mit Italien gepflogene Korrespondenz schon dermalen zu notificiren, mit der Bemerkung, daß man wahrscheinlich demnächst im Falle sein werde, Unterhandlungen anzuknüpfen. – auf welchem Wege das etwas in die Quere gekommene Gesuch St. Gallens einstweilen ausgewichen würde.| Hr. Knüsel glaubte, daß Hr. Dubs hiezu stimmen würde. Ob die Mehrheit des Bundesrathes schon so weit gehen will, scheint aber noch nicht sicher. –

Auf heute Nachmittag hatte Hr. Cecovi die Ankunft des englischen Ingenieurs, Hrn. Hamersdam, anonncirt, mit dem Gesuch, Hrn. Wetli davon zu benachrichtigen. Dieß ist geschehen. Hrn. Hamersdam selbst habe ich noch nicht gesehen. –

Indem ich Sie bitte, meine fragmentarische Skizze über die Situation in Bern freundlichst entschuldigen zu wollen, benutze ich diesen Anlaß, Sie neuerdings meiner ausgezeichneten Hochachtung zu versichern

J. Zingg.

(In Eile.)
Luzern d. 20 8b 1863