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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3536 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 8. November 1863

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein)

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Ich beehre mich Ihnen mitzutheilen, daß die zwei italienischen Ingenieure, nachdem sie gestern von den Gotthardtplänen Einsicht genommen, heute von hier nach dem K. Teßin vereist sind. Ich habe mir auf Samstag alle Pläne verschaffen & so den beiden Herrn das vorhandene Material vollständig vorlegen können. Am willkommensten schien denselben der bei Wurster & Cie angefertigte Uebersichtsplan im 1/100,000, wovon ich eben ein erstes Exemplar erhalten hatte, zu sein, da in demselben die Hauptresultate des Wetli'schen Projektes kurz zusammengestellt sind. Ich ermangelte nicht zu bemerken, daß die neue Expertise, welche das Gotthardtkomite veranstaltet habe & die eben ihre Arbeiten auf dem Terrain bendigt,| wahrscheinlich Modifikationen des Wetli'schen Projekts zur Folge haben werde & namentlich u. a. die Annahme der v. Wetli vorgeschlagenen Zikzaklinien sehr in Frage stehe. Die beiden Herrn erklärten, daß ihnen das im Uebersichtsplan & Profil enthaltene Material nebst einer summarischen Kostenberechnung v. Wetli einstweilen durchaus genüge. – Wie ich vernehme, bereisen die beiden Ingenieure auch andere Päße, was das Auffallende, von dem ich in meinem letzten Briefe gesprochen, mindert.

Von Bern erhielt ich heute eine Mittheilung, von der ich Ihnen für den Fall Kenntniß gebe, daß sie Ihnen nicht schon direkte zugekommen. Letzter Tage habe Jacini an Hrn. Pioda geschrieben & ihm gesagt, es werde in Italien überall herumgeboten, die Gotthardt–Conferenz sei nur ein Strohfeuer, den meisten Kantonen sei es mit der Sache nicht Ernst, die anderen können & werden nicht soviel beitragen, als die Lukmanier–Kantone, in Zürich werde die Parthei| für den Lukmanier obsiegen et. Jacini wünschte zu wißen, was an diesen Ausstreuungen sei & bemerkte, er sollte von Allem unterrichtet sein, wenn er widerlegen solle. Ferner habe Jacini Hrn. Pioda confidentiell noch mitgetheilt, daß Peruzzi ihm erklärt habe, mit seiner Brochure durchaus einverstanden zu sein; dieß sei aber nicht der Fall beim jetzigen Bauminister, dem ersten Genieofficier des Landes. –

Herr Pioda sei auch der Meinung, man sollte sich im Teßin mit Hrn. Nationalrath Battaglini in's Einverständniß setzen, der – ein ehrlicher Charakter, mit seinem Blatte «Helvetia» viel wirken könne. –

Obiges unterstützt die Andeutung, die ich jüngsthin nach Kenntnißnahme eines Artikels der «Opinione» zu machen mir erlaubte. Sollte es Ihnen geeigneter scheinen, allfällige Mittheilungen an Jacini statt durch den Generalsekretär durch Hrn. Ing. Koller oder meine Wenigkeit gelangen zu laßen, so schließe ich mich gerne Ihrer beßern Einsicht an. –

Durch Hrn. Ingenieur Koller habe ich gestern | vernommen, daß Hr. Oberingenieur Bekh bei seinen Terrainstudien auf einige Ungenauigkeiten in den Situationszeichnungen v. Wetli gestoßen sei. Wenn diese von Bedeutung sind, so wäre es wünschbar, daß die Correkturen rechtzeitig den Hrn. Wurster & Cie in Winterthur mitgetheilt würden, damit bei der begonnenen Lithographie der Situationspläne (wobei kein Tracé eingezeichnet wird) darauf Rüksicht genommen werden könnte. Darf ich Sie bitten, gelegentlich hievon Hrn. Bekh, deßen Adreße ich augenbliklich nicht kenne, Mittheilung zu machen? –

Indem ich hiemit schließe, muß ich Sie wohl um freundliche Entschuldigung bitten, daß ich so oft mit meinen Zeilen belästige.

Mit ausgezeichneter Hochachtung & freundl. Grüßen

zeichnet

Ihr ergebener

J. Zingg.

Luzern den 8. Nov. 1863.