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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3519 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 1. Dezember 1863

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat LU, Wahlen

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Mit lebhaftem Intereße habe ich von den Mittheilungen, welche Sie mir mit Ihrer geschätzten Zuschrift vom 30. d. haben zugehen laßen, Kenntniß genommen & ich verdanke Ihnen dieselben auf's Beste.

Ueber die Behandlung der Begehren der Gotthardtvereinigung im Bundesrathe habe ich kürzlich mit Hrn. Bundesrath Knüsel korrespondirt & dabei auch die Ansicht gewonnen, daß es, sofern nicht die Antwort Italiens zur Beförderung drängt,| am rathsamsten sein werde, die Behandlung der Sache bis nach der Neuwahl des Bundesrathes zu verschieben. Es freut mich zu vernehmen, daß wir im entgegengesetzten Falle immerhin ein entsprechendes Vorgehen des Bundesrathes gewärtigen dürfen. –

Die mir in letzter Zeit aus Bern zugegangenen Mittheilungen haben auf mich auch den Eindruk gemacht, daß Hr. Pioda den Gotthardtbestrebungen wirklich geneigt sei.

Heute Nachmittag hat Hr. Dr. Alfred Steiger den Großen Rath (der seit gestern versammelt ist) mit folgender Motion überrascht:|

«Der RegRth ist eingeladen, beförderlich Unterhandlungen anzuknüpfen, einerseits mit der Berner Staatsbahn, anderseits mit der Nordostbahn, zu dem Zweke, daß das Eisenbahnstük Langnau Luzern erstellt & dem Betriebe übergeben werde.»

Die Motion scheint mir sehr unüberlegt &; unzeitgemäß. Die Erheblichkeitserklärung hat wie die Nichterheblichkeitserklärung ihre fatale Seite. Ich sehe nicht ein, wie erstere dermalen zu fruchtbaren Unterhandlungen führen kann; durch erfolglose Unterhandlungen verbittert man aber nur diejenigen, denen man durch die Motion entgegenkommen wollte. Von der Nichterheblichkeitserklärung ist| ein ungünstiger Eindruk auf Bern zu besorgen. Dieß meine vorläufige Anschauung. Wenn es möglich ist, werde ich zu bewirken trachten, daß die Motion wenigstens diese Sitzung noch gar nicht behandelt wird. Inzwischen würde man Zeit gewinnen, die Sache zu erwägen & einen Ausweg zu finden. –

Indem ich Ihnen die gefälligst mitgetheilten Briefe v. Bekh & Jacini wieder zugehen laße, verbleibe mit dem Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 1 Dec. 1863.