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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3494 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_053

Alfred Escher an Josef Zingg, Lugano, Montag, 7. September 1863

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Regierungsrath!

Ich beeile mich, Ihnen einige Nachrichten über die Gotthardangelegenheit zu geben.

Cecovi, der Agent Sillar's, theilt mir eben mit, daß die Conzessionäre nebst einer Anzahl hervorragender Personen, unter welchen er mir 3 Directoren der Englischen Nationalbank nannte, eine anonyme Gesellschaft unter dem Namen «Internationale Eisenbahn von Central Europa» (wenn ich mich nicht irre) zu begründen im Begriffe seien, welche zwei Abtheilungen enthalten würden, 1) die Bahn ChiassoBiasca mit Abzweigung nach Locarno, welche sogleich in Angriff zu nehmen wäre, 2) die Bahn über den Gotthard, deren Ausführung von den dafür erhältlich zu machenden Subsidien abhängig zu machen wäre. Der| Gesellschaftsact soll in diesen Tagen erscheinen & wird mir mitgetheilt werden. Nachdem ihn empfangen, werde ich nicht säumen, Ihnen denselben mitzutheilen. – Sodann meldete mir Cecovi, es sei ihm von Sillar geschrieben worden, ein gentleman, der ein Agent der Italienischen Regierung zu sein scheine, sei bei den Conzessionären der Tessin'schen Bahn erschienen & habe ihnen 50 Millionen, von welchen 40 von der Regierung Italiens werden garantirt werden, angeboten, falls sie in die zweite Abtheilung ihres Programmes den Lucmanier aufnehmen; die Conzessionäre hätten hierauf gar keine Antwort gegeben, wünschten aber sehr zu wissen, woran sie mit dem Gottharde seien. Cecovi fügte dann hinzu, die Concessionäre würden, wenn auch eine geringere Subsidie auf Seiten des Gotthard geboten würde, als auf Seiten des Lucmanier dem erstern den Vorzug geben u. s. f. |

Nach allem, was ich über die Stimmung der Italienischen Regierung hier vernehme, wäre dieselbe ganz zu Gunsten des Lucmanier. Es würde bei ihr die Absicht obwalten, das Gewicht der Millionen auschließlich in die Waagschaale des Lucmanier's zu werfen.

Hier im Tessin fällt mir die außerordentliche Kühle auf, welche ich bisanhin in Betreff der Gotthardangelegenheit bei den zwar nicht zahlreichen offiziellen Personen, die ich gesprochen, wahrzunehmen den Anlaß hatte. Nicht bloß ist die Gotthardübereinkunft bis zur Stunde nicht genehmigt worden, sondern es will mir vorläufig scheinen, daß die Ratification auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Man spricht von den Verträgen, welche vor ca 17 Jahren zu Gunsten des Lucmanier abgeschlossen worden u. s. f.

Ich glaube, es wird von den Lucmanier leuten eine außerordentliche Thätigkeit| allüberall entwickelt. Vielleicht wünschen auch die Conzessionäre der Tessin'schen Linien eine Gant zwischen den Anhängern des Gotthard & Lucmanier zu eröffnen.

Ich werde nicht unterlassen, Ihnen diese Mittheilungen so beförderlich als möglich zu machen.

Mittwoch, Donnerstag, & vielleicht auch Freitag werden wir in Mailand /Hotel de la Ville/ sein.

Peyer im Hof schreibt mir so eben, daß Schaffhausen die Übereinkunft genehmigt habe.

Genehmigen Sie die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung von

Ihrem ganz ergebenen

Dr A Escher

Lugano
7 Septber 1863.

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Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «7. Sept. 63.»