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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B3479 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Wien, Dienstag, 9. März 1875

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Confidentiel

Mein theurer Freund.

Da ich die zwei jüngst verfloßenen Tage zufälliger weise eine ganz ausnahmsweise günstige Gelegen heit hatte mich von verschiedenen durchaus verläßlichen Seiten über die in drei in deinem Schreiben er wähnten Persönlichkeiten zu informiren, so will ich dir sogleich das Resultat meiner Erkundigungen mittheilen.

1o Nördlinger. Er muß nächster Tage wegen des blödsinnigen ungarischen Sprachenzwangsgesetzes seine Stelle als Generaldirector der Theißbahn ver laßen. Schon seit mehreren Wochen ist der Finanz minister Baron de Pretis mit ihm in Unterhandlung um ihn wieder in das österreich. Handelsministerium zurükzuberufen und zwar als unabhängiger Sektions chef der Eisenbahnabtheilung dieses Ministeriums. Vorläufig vereinbartes Gehalt 2500 fl. Silber.

Nun aber haben vorigen Samstag Abends bei einem großen Balle bei Baron Todesco die Generaldirectoren von vier der größten Eisenbahnen Oesterreichs den pro visorischen Leiter des Handelsministeriums, den Oberbau minister Chlumezky derart in die Enge getrieben, daß| höchst wahrscheinlich von deßen Berufung, Umgang genommen werden muß. Diese Herren haben geradezu erklärt, daß sie dem Nördlinger eine derartige Opposition machen werden, daß er seine Stelle nicht behaupten könne. Und da ferner diesen Generaldirectoren, aus naheliegenden Gründen, die einflußreichsten Zeitungen zur Seite stehen so würde seine Berufung nur noch mehr Verwirrung in das vollkommen deroute Handelsministerium bringen.

Nördlinger ist ein ausgezeichneter Fachmann und ein durchaus ehrlicher vertrauenswerther Mann, aber etwas arrogant, hochfahrend und unverträglich, daß Du gewiß keine sechs Monate mit ihm auskommen würdest. Wegen dieser Eigenschaften mußte er sogar vor einigen Jahren aus dem Handelsministerium, in welchem er nur 18 Monate aushalten konnte, austreten.

Nördlingers Gehaltansprüche dürften auch, falls er zu gewinnen wäre, woran ich aber durchaus zweifle, nicht weniger als 60-70000 fr. pr Jahr betragen.

2. von Prangen kann durchaus nicht in Frage kommen; er soll nach seinen Befähigungen in keiner Weise geeignet sein eine so hervorragende Stellung zu versehen. Fach männer hier wunderten sich sogar sehr, daß er überhaupt nur genannt wurde.

3. Hellwag Hollsteiner von Geburt, verlor in der Schlacht vom Missunde ein Auge, steht im besten Mannes alter, ein Mann der strengsten Rechtlichkeit und zugleich ein hervorragender Fachmann; er soll sehr strenge gegen sich selbst und gegen die ihm untergebenen Ingenieure| aber nie ungerecht sein. Er ist sehr beliebt und in den Reihen seiner Fachgenoßen hochgeschätzt. Man versicherte mir daß wenn es dem Verwaltungsrathe der Gotthardtbahn gelingen würde Hellwag zu gewinnen, sie gar keine beßere Aquisition machen könnte. Nur ist die Frage ob Hellwag sich entschließen würde, die Stelle anzunehmen, denn er steht sich hier gut, wenn auch nicht brillant, und ist für den hiesigen Aufenthalt sehr eingenommen. Ich kenne Hellwag nicht persönlich. Ich könnte dir aber doch in einigen Tage mittheilen, ob er eine event. Be rufung annehmen würde.

Dieß sind die Informationen, die ich dir mittheilen kann; sie haben auf die strengste Verläßlichkeit Anspruch.

Wie ich höre hat man von Seite der Creditanstalt dem Herrn Pollak den Auftrag gegeben sich nach Ingenieuren zu erkundigen; ob gerade dieß ein ganz richtiger Weg ist, überlaße ich deinem Urtheile.

Zu jeder ferneren Auskunft oder Mitwirkung, insbe sondere wenn du wünschest, daß ich mit Hellwag sprechen solle, sehr gerne bereit, in alter treuer Freundschaft

Dein

Tschudi

Wien 9. Merz 1875.