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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B3477 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061 (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 192

Alfred Escher an Johann Jakob Tschudi, Zürich, Freitag, 5. März 1875

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Demissionen, Eisenbahnen Bau und Technik, Freundschaften, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Personelle Angelegenheiten

Briefe

Zürich 5 März 1875.

Mein theurer Freund!

Seit ich Dir geschrieben habe, ist Gerwig von der Stelle eines Oberingenieurs der Gotthardbahn zurückgetreten. Wenn ich Dir sage, daß ich es hauptsächlich war, der auf die Lösung des Verhältnisses von Gerwig zu der Gotthardbahn hingewirkt hat & wenn Du hinwieder die freundschaftlichen Beziehungen in's Auge fassest, welche zwischenGerwig's & meiner Familie bestehen1, so kannst Du Dir denken, was ich in den letzten Wochen durchzumachen hatte! Mein angelegentlichstes Bestreben muß nun darauf hingerichtet sein, einen neuen Oberingenieur der Gotthardbahn zu finden, welcher den sämmtlichen Anforderungen, die an dieses hochwichtige Amt | gestellt werden müssen, vollkommen entspricht. Es ist dieß kein leichtes Stück Arbeit & ich kann Dir sagen, daß, seit ich im öffentlichen Leben thätig bin, das Gefühl meiner Verantwortlichkeit vielleicht noch nie so schwer auf mir gelastet hat, wie dieß in dem gegenwärtigen Augenblicke der Fall ist. Ich zähle in dieser schwierigen Situation darauf, daß meine erprobten Freunde, so viel sie können, dazu helfen werden, sie mir zu erleichtern, & so rechne ich denn vor allem auch darauf, daß Du mir zu diesem Ende hin Deine freundliche Handbietung nicht versagen werdest. Du hast mir ja bereits durch die Informationen, die Du über Lott2 eingezogen, durch Deine Mittheilungen betreffend Rhiza3 u. s. f. verdankenswerthe Beweise Deiner Dienstbereitwilligkeit gegeben. Gewiß wirst Du mir, nachdem nunmehr Gerwig zurückgetreten ist & | es sich jetzt um die Besetzung der Oberingenieurstelle der Gotthardbahn handelt, nicht minder freundlich & kräftig an die Hand gehen.

Für die eben genannte Stelle sind mir unter andern auch drei in Wien sich aufhaltende Männer vorgeschlagen worden, nämlich 1.) von Nördlinger4, Hofrath, Generaldirector der Theißbahn, ehemals Oberingenieur der Orleansbahn; 2.) Hellwag5 , Baudirector der Österreichischen Nordwestbahn, & 3.) von Prangen6, der Zeit technischer Consulent der Unionbank in Wien. Wenn Du Gelegenheit hast, an competenter & unbefangener Stelle Erkundigungen über die Befähigung dieser drei Männer für die Bekleidung der Oberingenieurstelle der Gotthardbahn einzuziehen, so werde ich Dir sehr dankbar sein. Vor allem aber wünschte ich von Dir Aufschluß über ihre Integrität zu erhalten.7 Du weißt besser als ich, wie schwer dieser Punct in's Gewicht | fällt & wie scharf er namentlich bei Ingenieuren, die in Österreich thätig sind, in's Auge zu fassen ist. Sodann erbitte ich mir noch über einen weitern Punct Auskunft von Dir. Ich höre, daß Nördlinger zum Chef des Eisenbahncommissariates bei'm Österr. Handelsministerium ernannt worden sei. Ist dieß wirklich der Fall &, wenn ja, ist anzunehmen, daß er diese Stelle schon wieder aufgeben könnte, um Oberingenieur der Gotthardbahn zu werden?8 Vielleicht könntest Du mir auch sagen, ob bei Hellwag & Prangen Verhältnisse vorwalten, welche es als unwahrscheinlich erscheinen lassen, daß sie ihre gegenwärtige Stellung mit derjenigen des Oberingenieurs der Gotthardbahn vertauschen würden.

Gerne schriebe ich Dir noch vieles & namentlich auch Heiteres. Ich bin aber ganz erfüllt von dem Thema, welches den Hauptinhalt dieses Briefes bildet. Ich schließe daher, indem ich Dich noch angelegentlich bitte, mir auf meine Fragen möglichst beförderliche Antwort geben zu wollen & indem ich Dich herzlich umarme als Dein alter treuer Freund

A. E.

Kommentareinträge

1Das Ehepaar Gerwig wohnte in der Nähe von Eschers Belvoir und war hier häufig zu Gast. Zwischen dem Direktionspräsidenten der Gotthardbahn und dem Oberingenieur entwickelte sich eine persönliche Freundschaft. Gerwigs Ehefrau Caroline kümmerte sich zeitweise um Eschers Tochter Lydia. Als es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen der Direktion und dem Oberingenieur kam, brachen die Besuche im Belvoir ab. Lina Gerwig besuchte jedoch Escher noch kurz vor seinem Tod auf sein Verlangen hin. Vgl. Ausführungen von Ulrich Kollbrunner (ZBZ NL Gagliardi, Dossier 61); Kuntzemüller, Gerwig, S. 155, 265–267; Alfred Escher an Robert Gerwig, 16. April 1872.

2 Julius Lott (1836–1883), österreichischer Ingenieur, Bauleiter der ungarischen Ostbahn. – Escher hatte sich offenbar bereits im Januar 1875 nach Lott erkundigt. Tschudis Gesprächspartner hielten Lott aber für zu jung für die verantwortungsvolle Aufgabe. Carl Feer-Herzog wurde gar beschieden, «daß dieser Lott aber gar nichts nütze sei» . Allerdings wurde Lott kurz darauf vom neuen Generaldirektor des österreichischen Eisenbahnwesens, Wilhelm von Nördling, zum Vorstand der Direktion für Staatseisenbahnbauten berufen und machte sich in der Folge beim Bau der Arlbergbahn sehr verdient. Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 23. März 1875; Vgl. Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 23. Januar 1875; NDB XV, S. 243–244.

3Gemeint ist Franz Ržiha (1831–1897), in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich tätiger Ingenieur und Eisenbahnunternehmer; gilt mit seinem 1871 erschienenen «Lehrbuch der gesammten Tunnelbaukunst» als Begründer der wissenschaftlichen Disziplin des Tunnelbaus. – Tschudi hatte Escher Ržihas Aussage rapportiert, die am Gotthardtunnel angewandte Bauweise mittels Firststollen werde Louis Favre in den Ruin treiben. Vgl. Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 23. Januar 1875.

4 Wilhelm von Nördling (1821–1908), deutscher Ingenieur, Generaldirektor der ungarischen Theissbahn, war eben zum Generaldirektor des österreichischen Eisenbahnwesens ernannt worden. – «Nördlinger ist ein ausgezeichneter Fachmann u. ein durchaus ehrlicher vertrauenswerther Mann, aber derart arrogant, hochfahrend u. unverträglich, daß Du gewiß keine sechs Monate mit ihm auskommen würdest.» Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 9. März 1875.

5 « Hellwag [...] ein Mann der strengsten Rechtlichkeit u. zugleich ein hervorragender Fachmann; er soll sehr strenge gegen sich selbst u. gegen die ihm untergebenen Ingenieure aber nie ungerecht sein. Er ist sehr beliebt u. in den Reihen seiner Fachgenoßen hochgeschätzt. Man versicherte mir daß wenn es dem Verwaltungsrathe der Gotthardtbahn gelingen würde Hellwag zu gewinnen, sie gar keine bessere Aquisition machen könnte. Nur ist die Frage ob Hellwag sich entschließen würde, die Stelle anzunehmen, denn er steht für hier gut, wenn auch nicht brillant, u. ist für den hiesigen Aufenthalt sehr eingenommen.» Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 9. März 1875.

6 Wilhelm von Prangen (1828–1885), in Österreich-Ungarn tätiger Eisenbahningenieur aus Schleswig-Holstein, zuvor Ingenieur bei der Schweizerischen Centralbahn. – «Von Prangen kann durchaus nicht in Frage kommen; er soll nach seinen Befähigungen in keiner Weise geeignet sein eine so hervorragende Stellung zu versehen. Fachmänner hier wunderten sich sogar sehr, daß er überhaupt nur genannt wurde.» Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 9. März 1875.

7Ein Gewährsmann Feer-Herzogs meinte diesbezüglich über Hellwag: «Was seine Integrität anbetreffe, so könne er nicht annehmen daß er irgend wie mit den Bauunternehmern der Nordwestbahn unter einer Decke gesteckt habe. Er hätte sich von diesen, Gebrüder v. Klein (wovon einer Mitglied des Verw.Rathes), nicht in Frieden getrennt.» Carl Feer-Herzog an Alfred Escher, 23. März 1875; Josef Zingg an Alfred Escher, 7. September 1878, Fussnote 2.

8Tschudi bestätigte Escher die Ernennung Nördlings, berichtete aber von Intrigen, welche den Stellenantritt unwahrscheinlich machen würden. Trotzdem bezweifelte er, dass sich Nördling für die Gotthardbahn-Gesellschaft anwerben liesse. Vgl. Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, 9. März 1875.