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Korrespondenz: Alfred Escher – Gottlieb Koller

AES B3474 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_061

Gottlieb Koller an Alfred Escher, Bern, Montag, 22. Februar 1875

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Tunnelbau

Briefe

Schweizerisches
Eisenbahn- & Handelsdepartement
(Eisenbahnwesen.)
Gotthard-Inspektorat.

Bern, den 22 Febr. 1875.

HHerrn Präsident Dr Alf. Escher, Zürich

Hochgeachteter Herr!

Indem ich mich beeile Ihnen die Akten Lott mit bestem Dank wieder zurückzustellen, beehre mich Ihnen mitzutheilen, daß dieselben im Ganzen einen günstigen Eindruck auf uns gemacht haben (nämlich auf Hrn. Welti & mich), daß wir dieselben aber lange nicht für erschöpfend halten, um sich ein Urtheil zu bilden, ob die technischen Erfahrungen von Herrn Lott hinlänglich seien, um von ihm eine in jeder Beziehung befriedigende Lösung für die schwierigen Bauten der G.B. erwarten zu dürfen.

Wie aus der beil. Statistik der Oestr. ungar. Bahnen (II Band, 1. Heft. 1874) hervorgeht, hat die ungarische Ostbahn auf Ihrer schwierigsten Strecke GrosswardeinKlausenburg blos 4 Tunnel von im Ganzen 404 Klafter = ca 800 Meter Länge (V. S. 62, Col. 50). Ob die Strecke SchönburgKronstadt schwieriger war ist aus diesem Band noch nicht ersichtlich. Nach den Angaben der Col. 1–12 auf S. 18. & 19, & der Col. 18–35, S. 34 & 35 waren auch die Steigungs- & Krümmungsverhältnisse nicht sehr ungünstig. Viadukte kamen keine vor (V. Col. 52–55. S. 62/63.)

Wir glauben Sie sollten sich von Herrn Lott ein Längenprofil & einen Situationsplan der Bahn senden oder noch besser bringen lassen & denselben allf. an den Gotthard beordern & ihn zu einem Bericht über die vorliegenden Trace-Vorschläge auffordern. Gerade jetzt wäre die rechte Zeit, um sich ein Bild der vorkommenden klimatischen Schwierigkeiten zu machen – Aus diesem Bericht könnte Herr Lott schon ziemlich besser beurtheilt werden, als aus den vorliegenden Akten.

Als Oberingenieur wird Herr Lott den Sectionsingenieurs wahrscheinlich etwas jung vorkommen, wie es auch bei uns der Fall ist.— Dann fragt sich auch, ob derselbe der ital. | & der franz. Sprache mächtig ist.— Beides wäre sehr erwünscht; das Letztere namentlich wegen Favre, indem dadurch manche Mißverständnisse vermieden würden.

Noch soll ich Ihnen nach Wunsch von Herrn W. mittheilen, daß nach seinem Gefühl eine Gratifikation an Herrn Gerwig von mehr als einem Jahresgehalt einen schlechten Eindruck machen würde. Hr. W. betrachtet es übrigens als ein Glück für die G.B., daß der Rücktritt desselben jetzt schon erfolgt, bevor es an die schwierigsten Bauten geht.

Ich lege hier den Vorschlag von Herrn Gerwig betr. die Bauzeiten der verschiedenen Strecken bei. In Ermanglung der Plane ist es mir zwar nicht gut möglich einen richtigen Maßstab für die Bauzeiten anzulegen; erlaube mir indessen doch folgende Bemerkungen: 1o daß es im Allgemeinen zweckmäßig sein wird, die Bauten nicht im Winter, sondern möglichst noch bei guter Jahreszeit zu vergeben 2o, daß die Baufristen recht voll angenommen werden, was wie ich glaube auf die Akkordpreise günstig wirken wird & 3o daß nothwendig zusammenhängende Strecken möglichst gleichzeitig vergeben werden.— Daraus würde also resultiren, daß die Tunnels von Monte Cenre & Goldau möglichst bald, die Strecken FlüelenGoeschenen & AiroloBiasca wenn möglich noch im Sommer 1875 & nicht erst Ende 1875, desgleichen die Strecke BellenzMonte Cenre & die Bauten um Luzern im Sommer oder spätestens Herbst 1875 & nicht erst Anfang 1876 zur Vergebung kommen.— Im Frühjahr, spätestens Sommer 1876 hätte dann der ganze Rest zu folgen.— Dadurch würde es möglich sämmtliche Strecken bis Herbst 1879 & nicht erst Endes desselben Jahres fertig zu bringen. Was den Tunnel betrifft, so bin ich nicht der Meinung von Hr. G., daß derselbe mehr als 8 Jahre erfordern werde, halte es sogar nicht für unmöglich, daß Favre noch ein Jahr gewinnen kann. Jedenfalls wird es gut sein sich auf diesen Fall vorzusehen.

Mit vollkommener Hochachtung

G. Koller

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