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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B3457 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Mittwoch, 1. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat SH, Grosser Rat TG, Italienisches Parlament, Landrat BL, Mont-Cenis-Bahn, Splügenbahnprojekt, Staatsverträge, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Hochverehrter Herr & Freund!

Ihr geschätztes Schreiben vom 27. v. M. ist mir richtig zugekommen. Seither haben sich wichtige Dinge für unsere Gotthard angelegenheit zugetragen. In Italien hat der Municipalrath von Mailand, auf dessen Entscheid in den ministeriellen Kreisen ein so außerordentliches Gewicht gelegt wird, mit 35 gegen 6 Stimmen eine Subvention von 1 ½ Millionen ausschließlich für den Gotthard beschlossen. Ausschließlich, sage ich: denn ein Amendement, welches dahin ging, daß diese Subvention, falls der Gotthard nicht zu Stande käme, dem Splügen gewährt werden solle, wurde verworfen. Sodann hat das Italienische Ministerium, wie mir heute aus zuverlässiger Quelle mitgetheilt | wird, beschlossen, den Gotthardvertrag nunmehr ohne Verzug dem Parlamente zur Ratification vorzulegen. Unser Abgeordneter nach Italien, der auch Ihnen bekannte Dr. von Gonzenbach, welcher eben für ein Paar Tage aus Italien nach der Schweiz zurückgekehrt ist & mir gestern über die dortige Situation einläßlichen Bericht erstattet hat, meldete mir, daß die Commission des Parlamentes, an welche alle Eisenbahnfragen überwiesen werden & an welche also auch die Gotthardangelegenheit gelangen wird, in [der?] letztern sehr günstig gestimmt sei & daß mit Sicherheit, wie die Dinge heute [stehen?], auf eine große Majorität für Ratification des Vertrages im Parlamente & im Senate gerechnet werden dürfe. Gemäß der Berichterstattung Gonzenbach's, mit welcher übrigens die Nachrichten unserer der Italienischen Nationalität ange| hörenden Agenten übereinstimmen, wäre somit zu erwarten, daß die Gotthardangelegenheit in Italien binnen kurzer Zeit zu einem unsern Wünschen gänzlich entsprechenden Abschlusse gebracht sein dürfte. Ein ähnliches Resultat kann für die Schweiz in sichere Aussicht genommen werden. Bis zur Stunde sind Fr. 19,040,000 an Subventionen definitiv gesichert. Der Große Rath von Thurgau hat vor einigen Tagen eine Subvention von Fr. 150,000, der Landrath von Basellandschaft eine Subvention in gleichem Betrage beschlossen. Diese beiden Beschlüsse unterliegen noch der Volksabstimmung, welche im Laufe des gegenwärtigen Monates erfolgen & zweifelsohne ein günstiges Resultat ergeben wird. Der Große Rath von Schaffhausen hat die Frage der Subventionirung des Gotthard Ende letzter Woche an eine Commission gewiesen, welche der | Sache günstig ist. Der Große Rath hat nach der Verfassung des Cts. Schaffhausen endgültig zu entscheiden. Es ist somit sein Beschluß nicht mehr einer Volksabstimmung zu unterlegen. In Folge dessen wird es Schaffhausen möglich sein, sich noch im Laufe des gegenwärtigen Monates schlüssig zu machen & ich zweifle nicht daran, daß es mit Fr. 150/m–200/m Subvention in die Linie rücken wird. Es würde dann noch eine halbe Million oder nicht ganz so viel fehlen. Die Erfüllung & zwar die beförderliche Erfüllung dieses Restes wird nicht die mindeste Schwierigkeit haben & es kann somit die Schweizerische Subvention von 20 Millionen Franken als heute schon gesichert angesehen werden. Was dann aber die Ratification des Gotthardvertrages betrifft, so hatte ich die Ehre, Ihnen eben zu telegraphiren, daß unser Bundesrath diesen Morgen den einmüthigen Beschluß gefaßt hat, | der Bundesversammlung, welche am 4. des künftigen Monates zusammentritt, die Genehmigung des Vertrages vorzuschlagen. Es wird zwar sehr stürmische Debatten in den Gesetzgebenden Räthen absetzen, aber nicht minder gewiß ist es, daß der Vertrag ratifizirt werden wird. In Zusammenfassung des Gesagten kann also in sichere Aussicht genommen werden, daß die Gotthardangelegenheit auch in der Schweiz im Laufe des künftigen Monates zu einem unsern Wünschen gänzlich entsprechenden Abschlusse gediehen sein wird. Und Deutschland? Hier hege ich die Befürchtung – & Sie werden es mir mit gewohnter Güte verzeihen, wenn ich sie unverholen ausspreche –, daß die Verwirklichung des Gotthardprojectes durch den Umstand, daß von der deutschen Seite in Aussicht gestellten 20 Millionen Subventionen 7 noch fehlen, | nicht verhindert, aber was auch sehr schlimm ist, verzögert werden wird. Diese fatale Situation, welche auch für das deutsche Nationalgefühl peinlich werden wird, ist durch das unselige Verfahren Delbrück's bei Behandlung der Gotthardangelegenheit herbeigeführt worden. Er hatte im November des verfl. Jahres selbst sowohl der Italienischen, als der Schweizerischen Regierung den Wunsch zu erkennen gegeben, daß sie bei Anlaß der Notification des zwischen der Schweiz & Italien abgeschlossenen Vertrage den Norddeutschen Bund darum angehen möchten, daß er für die Erhältlichmachung der deutschen Subvention von 20 Millionen Franken die Initiative ergreife. Nach dem Wunsche Delbrück's richteten die beiden Staaten dieses Ansuchen an den Norddeutschen Bund. Statt nun aber die bei dem Zustandekom| men der Gotthardbahn betheiligten deutschen Staaten zu einer Conferenz Behufs Verständigung über die von Deutschland zu beschaffende Gotthardsubvention nach Berlin zu berufen, that D. geraume Zeit gar nichts, um dann in das Labyrinth der Unterhandlungen mit den Eisenbahngesellschaften zum Zwecke ihrer Herbeiziehung zu der Subventionsleistung hineinzugerathen. Mittlerweile nahm Baden die ihm in Folge dieses Verfahrens dargebotene günstige Gelegenheit wahr, um mit seinen mesquinen 3 Millionen die dankbare Rolle einer Gotthard-Avantgarde in Deutschland zur Aufführung zu bringen & nun war die ganze Angelegenheit der Beibringung der deutschen Subvention für die Gotthardbahn glücklich des gründlichsten verfahren! Kam nunmehr die Vorlage an den Bundesrath & | den Reichstag, in welcher die – ich weiß nicht warum – im Betrage von 12 Millionen Franken in Aussicht genommene, nach Lage der Dinge unzulängliche Subvention auf 10 Millionen herabgedrückt war, so daß wir nun vor 13 Millionen stehen & uns darüber noch gar sehr freuen sollten! Sie werden vielleicht wieder finden, daß ich allzu schwarz sehe & glauben, mir deshalb Muth zurufen zu müssen. Und hinwieder werden Sie sagen, es seien dieß geschehene Dinge, die man nicht rückgängig machen könne & denen man eine möglichst günstige Seite abzugewinnen suchen müsse. Dieser Ansicht stimme ich vollkommen bei. Aber ich erwähne dieses unerfreulichen, nun nicht mehr zu ändernden Thatbestandes, weil ich meine, es müsse darin ein Sporn liegen, um die an der deutschen Subvention fehlenden 7 Millionen | mit möglichster Beförderung zu beschaffen & auf diesem Wege, soweit es unter den obwaltenden Umständen noch geschehen kann, zu verhindern, daß die ganze Gotthardangelegenheit daran stecken bleibe, daß – ein Theil der deutschen Subvention noch nicht erhältlich gemacht werden konnte! – Ich weiß, daß Sie meine Betrachtungen nicht anders auffassen werden als wie sie gemeint sind. Ich habe die möglichst sichere & thunlichst baldige Verwirklichung unsers gemeinschaftlichen Zieles im Auge & es würde mir aufrichtig leid thun, wenn auf Deutschland & seine Stellung in der Gotthardfrage schließlich ein Schein geworfen würde, vor welchem ich es bewahrt wissen möchte.

Über die Schritte, welche gemäß Ihrer verehrl. Zuschrift in Berlin gethan worden sind, bez.weise in Aussicht genommen werden, | um die deutsche Subvention zu ergänzen, will ich mir kein Urtheil erlauben. Ich bemerke hierüber lediglich, daß ich gestern in Bern Gelegenheit hatte, mit dem in Eisenbahndingen einflußreichsten Mitgliede der II Badischen Kammer über die Gotthardsubventionsfrage zu sprechen, & daß es mir hat scheinen wollen, es werde Baden, wenn von Berlin aus in der rechten Weise an dasselbe gelangt wird, sich zu einer Vermehrung seiner Subevntion bereit finden lassen. Versuche, welche gegenwärtig bei einzelnen Badischen Städten Behufs Erhältlichmachung von Beiträgen in's Werk gesetzt werden, dürften, wie mir der Betreffende sagte, erfolglos oder doch von sehr geringer Wirkung sein. Der geringe Betrag der von dem Norddeutschen Bunde beschlossenen Subvention scheint in Baden einen übeln Ein| druck gemacht zu haben. Ich hörte mehrere Badenser sagen, die politische Führung, die man in Berlin überhaupt & auch hinsichtlich der Alpenbahnfrage beanspruche, sollte sich auch durch die Leistung entsprechender Millionen bethätigen.

Sie wünschen eine Decomposition der Italienischen Subvention von 45 Millionen. Man rechnete folgender Maßen:

1.) Genua (Provinz & Stadt) Millionen 7
2.) Mailand ( " " ) & Como " 3
3.) Vertragsmäßiger Beitrag der Oberitalienischen Eisenbahngesellschaft " 10
4.) Italienischer Staat (in der Meinung, daß während 10 Jahren alljährlich 2 ½ Millionen auf das Budget genommen werden sollen.) " 25
" 45

Es ist nun 1) votirt. Was 2) anlangt, so | haben

die Provinz Mailand Fr. 1,000,000.–
" Stadt " 1,500,000.–
" Provinz Como 500,000.–
" Stadt " 200,000.–
Varese 40,000.–
3,240,000.–

votirt. Es wurde also mehr beschlossen, als verlangt worden war. 3) & 4) erheischt keine Bemerkung. Das Programm ist demnach als durchgeführt zu betrachten.

Ob die von Frankreich für den Mont Cenis zu gewärtigenden Summen in das allgemeine Budget aufgenommen oder dem Gotthard vorbehalten seien, ist nicht zu ergründen. Auch Welti konnte, wie er mit sagt, hierüber nie in's Klare kommen. Die Frage scheint mir übrigens irrelevant zu sein: denn, wäre auch heute beschlossen worden, die fraglichen Summen dem Gottharde vorzubehalten, so könnte ja schon morgen dieser Beschluß wieder aufgehoben werden!|

Ihre Reichstagsverhandlungen in's Italienische übersetzen & in Italien verbreiten zu lassen, halte ich nicht für angezeigt. Nach allen meinen Berichten aus Italien haben dieselben dort einen sehr gemischten Eindruck gemacht. Bei einer Unterredung, die ich vorgestern mit dem Italienischen Gesandten in Bern hielt, nahm ich z. B. wahr, daß derselbe über die Rede Bismarck's sehr ungehalten sei.

Wenn Sie im Falle sind, in Darmstadt & Stuttgart durch persönliche Einwirkung den Schritten, die dort zum Zwecke der Ergänzung der deutschen Subvention geschehen, Vorschub zu leisten, so bin ich ganz damit einverstanden, daß Sie Namens des Ausschusses der Gotthardvereinigung hingehen. Ich würde aber sehr bedauern, wenn Sie dadurch abgehalten würden, die Verhandlungen mit den Bankinstituten & Bank| häusern, welche mit uns das Berlinerprotokoll unterzeichnet haben, so zu fördern, wie die obwaltende Situation es in gebieterischer Weise erheischt. Es ist mir gestern aus Italien telegraphirt worden, daß die Häupter der Splügisten sammt und sonders nach Paris gereist seien, offenbar um dort einen letzten auf die Verhandlung im Italienischen Parlamente berechneten Coup zu combiniren. Den von dorther zu gewärtigenden Eröffnungen betreffend Bildung einer Finanzgesellschaft zur Ausführung der Splügenbahn sollte durchaus ein Pendant für die Gotthardbahn an die Seite gestellt werden können. Ich ersuche Sie daher, in Bestätigung des bezüglichen Inhaltes meines letzten Schreibens, die Verhandlungen mit unsern verbündeten Financier's, zu welchen nunmehr alle Ma| terialien vorhanden sind, thunlichst zu beschleunigen. Indem ich diese Bitte an Sie richte, weiß ich, daß ich mich in vollem Einklange mit der Anschauungsweise der Mitglieder des Bundesrathes & der Gotthardvereinigung befinde.

Das, was Sie Ihre persönlichen Wünsche nennen, habe ich durchaus nicht vergessen. Ich habe seiner Zeit nicht verfehlt, gehörigen, aber discreten Ortes von der Unterredung, welche wir über diesen Gegenstand in Berlin gepflogen haben, angemessene Mittheilung zu machen.

Hinsichtlich der Actienzeichnung von 1 Million Franken, welche ein besonderes Interesse zu erwecken geeignet ist, hat mir v. Graffenried seiner Zeit Meldung gethan.

Ich glaube nun auf alle Puncte Ihres Briefes, auf welche Sie Antwort wünschten, ein| getreten zu sein & sehe Ihren bald gefälligen Eröffnungen betreffend die Verhandlungen mit unsern verbündeten Financiers entgegen.

Wie würde es auch mich freuen, Sie diesen Sommer in der Schweiz begrüßen zu können! Vorher, denke ich, werden wir uns aber in Deutschland zu ernster Arbeit zusammen zu finden haben.

Herzlich

Ihr

Dr A Escher

Zürich 1 Juni 1870.

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