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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B3456 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Mittwoch, 25. Mai 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 25 Mai 1870.

Hochverehrter Herr & Freund!

Sie wünschen den Statutenentwurf baldmöglichst & bevor er mit der Gotthard commission des Bundesrathes zum zweiten Male durchgesprochen worden, zu erhalten, & ich nehme um so weniger Anstand, Ihrem Ansuchen zu entsprechen, als die mir bekannten Puncte, welche bei der zweiten Verhandlung mit der bundesräthlichen Commission zur Sprache kommen werden, nicht dazu angethan sind, einer Behandlung des Statutenentwurfes durch die mit uns in Verbindung stehenden Norddeutschen Bankhäuser & Bankinstitute schon in dem gegenwärtigen Augenblicke irgendwie hindernd in den Weg zu| treten. Ich habe daher 12 Exemplare des Statutenentwurfes an Sie abgehen lassen & hoffe, daß dieselben übermorgen früh in Ihren Händen sein werden.

Über den Entwurf habe ich zur Zeit nur folgende Bemerkungen zu machen:

1.) Derselbe ist, wie selbstverständlich, im Einklange mit den Gesetzen des Bundes & der Kantone, sowie mit den Vorschriften der Cantonalen Conzessionen & der die letztern genehmigenden Bundesbeschlüsse abgefaßt. Die Form des Entwurfes entspricht auch den hier zu Lande in dieser Beziehung bestehenden Gewohnheiten.

2.) Ich habe in dem Entwurfe der Gesellschaft thunlichste Freiheit der Bewegung zu wahren gesucht & es vermieden, ohne Noth allzu detailirte Bestimmungen in denselben aufzunehmen. Es darf nämlich nicht| übersehen werden, daß jede Veränderung der Statuten gerade wie die erste Aufstellung derselben der Genehmigung der 5 Cantone, auf deren Gebiet das Gotthardnetz sich befindet, sowie des Bundes bedarf. Je detailirter nun die Statuten redigirt werden, desto sicherer ist darauf zu rechnen, daß das Bedürfniß von Abänderungen derselben sich geltend macht & desto häufiger wird also die vorhin geschilderte complizirte Genehmigungsmaschinerie in Thätigkeit gesetzt werden müssen.

3.) Um der bei der Gotthardunternehmung betheiligten Deutschen, bez.weise Italienischen Finanz die gebührende Mitwirkung bei der Leitung der Unternehmung zu sichern, ist in dem Entwurfe die Berechtigung Abwesender, durch Stellvertretung zu stimmen, in weiterm Umfange eingeräumt, als es| sonst bei uns üblich ist.

Ich glaube mich vor der Hand auf diese wenigen Bemerkungen beschränken zu sollen. Zu allen weitern Aufschlüssen, die etwa noch gewünscht werden möchten, bin ich mit Vergnügen bereit & sollte etwa ein Rendezvous an einem in der Mitte zwischen Berlin & Zürich liegenden Orte, wie z. B. in Frankfurt zum Behufe einer mündlichen Verhandlung für nothwenig erachtet werden, so erkläre ich mich ganz bereit, hiezu Hand zu bieten. Mit großem Nachdrucke muß ich aber darauf dringen, daß auf Grundlage der in Berlin aufgestellten Präliminarien nunmehr bestimmtere Vereinbarungen getroffen werden. Es ist offenbar, daß die Splügisten dadurch, daß sie eine eventuelle Finanz- & Baugesellschaft dem Italienischen Parlamente präsentiren, auf dasselbe| einen durchschlagenden Eindruck zu machen beabsichtigen. Wir Gotthardisten müssen bestrebt sein, unsern Gegnern in dieser Beziehung ebenbürtig zur Seite zu stehen. Ich muß Sie also sehr bitten, auf die Bankhäuser & die Bankinstitute Berlin's & der Rheinlande, mit welchen wir das Präliminarprotokoll unterzeichnet haben, im Sinne nun mehrigen entschlossenen Vorgehens einwirken zu wollen.

Für Ihre telegraphischen Mittheilungen über die Beschlüsse des Norddeutschen Reichstages in Sachen der Gotthardsubvention sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank. Schon die Raschheit, mit welcher die [Angelegenheit?] der Gotthardbahn noch vor dem Auseinandergehen des Reichstages zur Entscheidung gebracht wurde, muß als ein untrügliches Zeichen für den guten Willen anerkannt werden, welchen [der?] | Norddeutsche Bund für das Gelingen des Gotthardprojectes hegt. Und ebenso liegt es auf flacher Hand, daß, wenn eine Großmacht, wie der Norddeutsche Bund, sich in eine Angelegenheit so weit einläßt, wie es nun mit Beziehung auf die Gotthardbahn geschehen ist, von einem Preisgeben eines in solcher Weise paternisirten Projectes geradezu nicht die Rede sein kann. Ich bin also voller Vertrauen in [die?] Completirung der deutschen Subvention von 20 Millionen & ich bin es um so mehr, da Sie mir melden, es dürfe dieses Vertrauen unbedenklich gehegt werden. Aber hinwieder muß ich gestehen, daß ich mir durchaus nicht klar machen kann, wie diese Completirung bewerkstelligt werden soll, wenn ich bedenke, daß die Badischen Kammern bis November 1871 nicht mehr zusammentreten und Württemberg keine Subvention be| schließen wird, so lange die bekannten Anstände mit Baden wegen des Parcours nicht geregelt sind & daß eine Verständigung hierüber ohne die Vermittlung des Norddeutschen Bundes nie zu Stande kommen wird, eine solche Vermittlung mir aber von Bismark selbst als kaum thunlich bezeichnet worden ist, u. s. f. Item, der Glaube wird auch hier & namentlich hier Berge versetzen müssen!

Trotz der unerfreulichen Schlußnahme des Provinzialrathes von Mailand, von der ich die Überzeugung habe, daß sie durch Bestechung herbeigeführt worden ist, telegraphirt mir heute der Baron Podesta, Sindaco von Genua, daß es mit der Gotthardangelegenheit gut stehe in Italien. Trotz alle dem habe & behalte ich die Überzeugung, daß die verwundbare Ferse der Gotthardangelegenheit – Italien ist! Wenn| Sie wüßten, was für Unterhandlungen ich in den letzten Wochen mit Italieen wegen der Gotthardsache zu pflegen hatte!!

In der Schweiz sind nunmehr 19,040,000 fr. Subventionen definitiv gesichert. Daß der fehlende Betrag bis auf 20 Mill. noch ohne Schwierigkeit wird beigebracht werden können, bezweifelt hier zu Lande niemand, nicht einmal die Splügisten!

Ich sehe nun dem Senfe über den Statutenentwurf, den Sie mir in Aussicht stellen, in stiller Ergebung entgegen & es hält mich dabei namentlich auch die Hoffnung aufrecht, daß, wer Senf spendet, nie vergessen darf, daß dazu auch ein Braten gehört!

herzlich
Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «H. A. von Sybel, Abgeordneter u. s. f. Berlin» .