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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B3455 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 11. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Berlin Mittwoch 11/5 70.

Mein hochverehrtester Herr!

Gestern endlich erhielt ich die lang ersehnten Brochüren, die ich sofort an die Mitglieder des BundesRaths und des Reichstags zur Vertheilung brachte. Damit hatte es wirklich Noth. Der hiesige Agent des Churer Comite's, Weetli oder wie der Mann heißt, hat hier sehr gewühlt und die Nationalliberale Partei sehr erschüttert. Ebenso fand ich bei General Moltke eine große Meinung für den Splügen. Ich benutzte die Übergabe der Brochüre, um ihm kurz die Gründe auseinanderzusetzen, welche für den Gotthard entscheidend wären, u hoffe, ihn überzeugt zu haben.

Die schlechtere Stimmung ist zum Theil ein Reflex der schlechten italienischen Nachrichten. Bergamo bewilligt 1½ Mill für den Splügen, die italienische Regierung will die Zahlungen Frankreichs für den Mont Cenis ins Büdget des Staates aufnehmen –

Die Bedigungen einzelner schweizer Subsidienten, alles| Hammers Krankheit, Bismarks Abwesenheit. Alles das wirkte so fatal lähmend, daß ich wirklich zuweilen verzweifeln mochte. So viel Arbeit, so viel Überlegung umsonst – der Gedanke hatte etwas niederdrückendes. Endlich ist nun doch Seitens Delbrücks ein entscheidender Schritt geschehen. Das Staatsministerium wird in dieser Woche noch Beschluß fassen um Namens Preußens die Vorlage in den BundesRath einbringen zu können. Das ist wenigstens etwas, was sich in Italien verwerthen läßt, u hoffentlich die Splügisten ins Klare setzt.

Ich theile Ihnen sofort mit, was beschlossen ist und werde Ihnen telegraphiren:

«Wir sind einig», wenn das StaatsMinisterium die Einbringung beschließt. Im andern Falle: Wir sind noch nicht einig, u im schlimmsten Wir sind nicht einig.

Für heute bitte ich Sie, mir vitissime per Post noch 6 Exemplare der Broschüre zu schicken. Ich [reiche?] | nicht. Sodann bitte ich Sie zwei Exemplare an die Direktion der Rheinschen Bahn in Cöln und ein Exemplar an die königl. Direktion der Bergisch Märkischen Bahn u. ein Exemplar an den Geh CommerzienRath Herrn Daniel von der Heydt in Elberfeld zu schicken.

Auch empfehle ich dasselbe einigen deutschen Zeitungen gegenüber zu thun.

Daß die Norddeutsche Subsidie auf 12 Mill frs normirt worden ist, wird Ihnen schon bekannt sein. Ein Mehreres zu erzielen, war mir bei Delbrück nicht möglich. Er ist der festen Überzeugung, daß Würtemberg und Baden ein übriges thun werden u. jenes sich zu 3 Mill, dieses zu 5 Mill sich schließlich entscheiden wird: Woher er diese Hoffnung nimmt, ist mir nicht erklärlich; jedenfalls verursacht uns dieser Mann mit dieser Wendung neuen Aufenthalt; u wir verliren 1870 abermals als Baujahr. Wie anders| ständen wir, wenn D. meinem Rathe im October gefolgt wäre. Die Splügisten wären nicht aufgekommen, in Italien hätten die Gegner nicht neuen Muth geschöpft u. hier hätten wir im Sturme gesiegt. Trotz alledem wollen wir den Muth nicht verlieren. Halten Sie die Schweiz u Italien fest. Weishaupt u ich werden hier das möglichste thun.

Halten Sie mich nur unterrichtet, damit ich in keine schiefe Stellung komme und im Stande bin, faulen Nachrichten, welche hier geflissentlich verbreitet werden, gleich scharf entgegenzutreten.

Auf das Statut bin ich ebenfalls gespannt. Ich setze es sofort in Circulation und werde seine Berathung bei den Banquiers nach Möglichkeit beschleunigen. Leben Sie wohl für heute.

Unverändert von ganzem Herzen

Ihr

v Sybel