Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B3453 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Samstag, 1. Januar 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin den 1. Januar 1870.

französ. str. 11. 12.

Mein hochverehrter Herr Escher!

Sie haben hoffentlich meine Kölner Depesche und meinen Düsseldorfer Brief vom [...?] richtig erhalten u vielleicht mit Ungeduld nähern Nachrichten entgegengesehen. Diese Ihnen zu geben, war mein sehnlichster Wunsch, aber die Sachen gehen nicht so schnell, wie ich in Düsseldorf hoffte, obschon sie fortfahren gut zu gehen. Hansemann war wiederholt abwesend, ich selbst mehrere Tage unwohl – noch jezt laborire ich einen um den andern Tag an Kopfschmerzen verbunden mit Fieberaffektionen – da ist dann ein förderndes Conferiren u Arbeiten nicht recht zu Stande gekommen. Sie müssen sich daher noch etwas gedulden. – Wie gesagt, es dreht sich hier jezt die Frage einfach darum, wie wird das ganze erforderliche Capital gesichert? Regierungs u FinanzMänner sind einig u entschlossen, das Unternehmen zu Stande zu bringen, u. nur das Wie! ist Sache der Überlegung. Eine eingehende Erörterung hat uns gezeigt, daß der einfache modus, wie es bisher verfolgt worden, nicht| zum Ziele führt, nämlich der modus, nach welchem sich die Gesellschaft mit einem Grundcapital von 50–60 Mill Frs constituiren, 85 Mill Subsidien in der Form Actien zweiten Ranges acceptiren [und den Rest sich?] durch PrioritätsObligationen beschaffen solle. Wir fanden, daß es 1. nothwendig sei, sofort bei Beginn des Unternehmens demselben die zu seiner Vollendung nach dem heutigen Plan erforderlichen baaren 184 Mill. Frs sicher zu stellen 2. daß das mühsame Zusammensuchen von 50–60 Mill nominellen Actiencapitals zu pari oder etwas darunter schwierig u zweifelhaft, auch der Sache u. dem großen internationalen Charakter nicht recht angemessen u würdig sei. 3. daß die Fertigstellung immer noch den Chancen einer spätern Placirung von Prioritäten ausgesetzt bleibe. 4. daß endlich dieser bisherige modus für den großen Geldmarkt etwas ungeschicktes u. nicht recht verständliches den jezt beliebten Formen gegenüber an sich habe. 5. daß neben diesen sachlichen Gründen der bisherige modus den Bankhäusern keine Chance eines Gewinnes für ihre gewerbliche Thätigkeit in der Sache biete – ein Grund der – mag mag ihn beurtheilen, wie man will, dennoch von| Relevanz ist.

Wir glaubten nun durch folgende allgemeine Idee die obigen Nachtheile des bisherigen Plans vermeiden zu können.

Die Gesellschaft wird mit X Mill. Frs constituirt. a.) Von diesem capitale sind 100 Mill. Stammaktien, von diesen übernehmen die Staaten 85 Mill. al pari., 15 Millionen übernimmt das Consortium zu einem später sich ergebenden Course. b.) Von dem Capitale sind ferner 200 (?) Millionen StammprioritätsActien, sie lauten nominell mit 500 Frs das Konsortium übernimmt sie zu 250. Sie tragen während der Bauzeit vom Nominalbetrag 3% Zinsen, also vom Überahmezins 6%. Sie genießen nach Vollendung der Bahn prioritätisch den Reingewinn des Unternehmens ganz bis zu 3½% (7%) der Aktie, darüber hinaus die Hälfte der Reingewinns. Die andere Hälfte fällt den Aktien a. zu. Die Staaten sind zu bestimmen, daß diese Hälfte angesammelt werde, um nach [...?] Jahren zur pari Übernahme durch regelmäßige Verloosung der StammprioritätsAktien b verwandt zu werden. Die Dividenden der so durch die Staaten erworbenen StammprioritätsAktien wachsen dem Einlösungsfonds zu. Die Staaten erlangen| dadurch allerdings zuletzt das Capital; die Gesellschaft aber wird dadurch nicht aufgehoben, weil die 15 Mill Stammaktien a, welche das Consortium übernimmt, nicht zur Einlösung gelangen. c) Hinsichtlich dieser ist ferner zu stipuliren, daß ihre Verzinsung bis zu 3% aus der Hälfte des Reingewinns (über 7%) vorab erfolge, bevor dieselbe in den Einlösungsfonds für die StammprioritätsAktien fließt.

Diese 15 Mill Stammaktien a. erhält das Consortium ohne seinerseits darauf Einzahlungen zu leisten. Sie sind gewissermaßen die Provision für die Beschaffung des Stammprioritätscapitals, eventuell könnte die Differenz, welche dadurch gewonnen wird, daß das PrioritätsCaptial höher als zu 250 an den Markt gebracht wird, als Einzahlung dienen.

Diese letztere Frage (c), also die Frage über den Einzahlungsspreis dieser 15 Mill Stammaktien gelangte in unseren Besprechungen nicht zum Schlusse. Ich führe diesen Punkt aber dennoch hier an, weil ich heute lediglich bezwecke, Ihnen| den Weg anzudeuten, in welchem die hiesigen Herren die Lösung der Aufgabe suchen. Das nominelle Aktiencapital wird zwar sehr erheblich höher gegriffen die hierin liegende Last trifft das Unternehmen aber erst in einer spätern Zukunft, u. sichert dafür jezt die Beschaffung des baar erforderlichen Capitals indem sie den Übernehmern der StammprioritätsAktien eine wenn gleich sehr entfernte Aussicht auf Rückzahlung des doppelten (Nominal) Capitals eröffnet u. die Übernahme in einer jezt geläufigen u beliebten Form von Capitalbeschaffungen erfolgt.

Ferner verzichten zwar die subsidirenden Staaten [etc. ?] auf den baar Bezug des halben Reingewinns über 7%, sie erwarten dafür oder statt dessen aber Stammprioritätsaktien u in einer Reihe von Jahren den vollen Gewinn der Bahn, von welchem sie nur 15% an die 15 Mill Consortiumaktien abzugeben haben.

Endlich kostet der Gesellschaft die Beschaffung der Mittel nur eine geringfügige Auslage in baar, sondern nur Aktien, welche das Unternehmen kaum beschweren.| Allerdings sind noch einige andere Voraussetzungen zu erledigen, z. B. die Feststellung, wie der jährliche Betriebsreingewinn berechnet wird, welche Bestimmungen sich in Betreff des Reservefonds empfehlen? ob kein Hinderniß gesetzlicher Art für die Begebung von Stamm aktien unter pari besteht (Nach dem deutschen HandelsGesetzbuch wird die volle Einzahlung verlangt; die Praxis sieht indeß hiervon jezt ab.) u. ähnliche Fragen.

Sie sehen daraus, mein verehrtester Herr u Gönner, daß der diesseitige Plan noch keineswegs feststeht . Seine Ventilirung beweist mir, daß man hier ernstlich will u. zwar das Ganze und gesichert. und zwar unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das von der Schweizer Finance documentirte Interesse sich durchaus anschließt u. an den Berner Conferenzbeschlüssen nichts wesentliches geändert wird . Sie bitte ich nun, sich ebenfalls mit dem Berliner Plan einmal beschäftigen zu wollen und mir baldmöglichst Ihre Ansicht zu sagen. Vorwärts müssen wir,| u zwar jezt; es wäre unverantwortlich hier die günstige Strömung nicht benutzen zu wollen. Das preussische Deficit ist beseitigt u. daraus das Fahrwasser frei geworden.

Auf eins mache ich aber noch besonders aufmerksam. – Kommt hier mit Einverständniß der Schweizer Herrn ein verständiger Finanzplan zu Stande, so lassen Sie sich ja nicht durch Bedenken oder Forderungen italienischer Bankiers abhalten, vorwärts zu gehen. Das Capital wird dann auch ohne sie beschafft werden. –

Ich freue mich sehr, daß Gen. v Roeder bei seiner hiesigen Anwesenheit gute und günstige Eindrücke empfängt. Obschon er auf seine vortrefflichen Depeschen keine Antwort erhielt, hat er sich überzeugen können, daß Weisshaupts u meine Wirksamkeit, wenigstens negativ, nichts nachtheiliges erzeugt haben. Roeder's mündliche Auslassungen hier aber haben wesentlich die Anerkenntniß befestigt, daß ein inniges Zusammengehen mit der Schweiz nicht bloß für die Gotthardbahn nützlich ist. Seien Sie versichert, daß ich dem denkbar höchsten Gesichtspunkt, den Preußen zur| Sache einnehmen kann, überall u immer wieder Ausdruck gebe und damit allerlei kleinliche Momente zu schlagen glaube u. hoffe. Die Bettelei des Bundes um Subsidienbeihülfen von den Eisenbahnen u Werken auf Kosten der Placirung des Aktiencapitals ist, hoffe ich namentlich, trotz der Artikel der Kölnischen Zeitung im Stillen beseitigt, wenigstens unschädlich gemacht.

Leben Sie wohl für heute. Möge das Jahr 1870 für Deutschland u die Schweiz dadurch denkwürdig werden, daß sie gemeinsam endlich Hand an die Felsen legen, welche sie für ihre großen Verkehrsströmungen bis jezt vom sonnigen Italien trennten. Möge dadurch Ihnen namentlich das Jahr 1870 Lohn u. Genugthuung für Ihr großes, mühevolles u unablässiges Streben bringen, an welchem Theilzunehmen mir das Jahr 1869 in unvergeßlicher Weise gestattet hat. Zum Neujahr meinen Handschlag darauf, daß ich weiter dazu wirken will, soweit meine schwachen Kräfte reichen u Ihre u Ihrer Collegen Wohlwollen u Freundschaft mir gestatten

Immer

Ihr

v Sybel|

Darf ich bitten, diese vorläufigen Mittheilungen unter Ihre besondere Discretion zu bringen? Es ist ja schon möglich, daß der Plan sich noch sehr bedeutend modificirt.