Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B3451 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Freitag, 16. Juni 1871

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Presse (allgemein), Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Florenz den 16 Junj 1871. 1

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

Durch mein Telegramm von gestern Nachmittag ist Ihnen das Resultat der Abstimmung in der Kammer bekant geworden. –

Obschon ich kaum annehmen darf, daß eine weitere Darstellung der Verhandlungen welche seit meinem Bericht vom 14t dMts stattgefunden haben, für Sie von großem Intereße sein wird – so glaube ich dieselbe den Männern schuldig zu sein – die sich bei dieser lebhaften und wichtigen parlamentarischen Debatte betheiligt – und zum günstigen EndResultat mitgewirkt haben.

Nachdem am 13t dMts der Minister Sella die Cabinettsfrage gestellt hatte; hatte ich über die Annahme des Vertrags keinen Zweifel mehr, allein von der Opportunität der Subvention der Gotthardbahn war die Kammer troz der Rede des Ministes Sella damals noch nicht überzeugt |

Am 13t Abend äußerten noch einzelne Deputirte (namentlich Neapolitaner), ihr Gewißen erlaube ihnen nicht für eine Gothardsubvention zu stimmen während den südlichen Provinzen noch so viele Straßen fehlen usw usw

Die Rede Peruzzis – und ein politischer Leitartikel von Cirinini in der Nazione hatten indeßen auf manche ernüchternd gewirkt. –

Viele Deputirte waren überdieß zu Unterstüzung des Ministeriums nach Florenz zurükgekehrt, so daß am 14t Morgens die Kammer zahlreicher war als während der letzten Wochen. –

Bei der artikelweisen Berathung ergriff nun endlich der Präsident der Comission Mordini das Wort. Er gilt als einer der glänzendsten Redner – dießmal aber war siene Stimme in folge langer Krankheit schwach. Dieß zwang die Kammer gegen ihre Gewonheit ruhig zu sein um dem gewesenen Minister – dem Berichterstatter der Comission – und dem kranken Deputirten – ein Zeichen ihrer Achtung zu geben!

In einer glänzenden mehr als drei Stunden dauernden – höchst intereßanten und pikant – wie auch leise vorgetragenen Rede, stellte nun Mordini alle commerziellen, industriellen u | politischen Rüksichten zusammen die für den Gothard sprechen – und widerlegte mit Witz und Humor alle vom Standpunkt der Local-Intereßen oder politischer Sympathien oder Antipathien dagegen gemachten Einwendungen. –

Die Kammer horchte mit gespannter Aufmerksam keit – und als Mordini endlich geschloßen, erschallten von vielen Bänken laute Bravos. Jezt erst war die Kammer überzeugt. In die Form der Entgegnung auf ein «fait personnel» gekleidet – antworteten [zwar?] [Bonfadini, Zanardelli & Villapernice ?] noch einiges vom Standpunkt des Splügens Bertanj vom Standpunkt des Tracés und der zu großen Subvention Italiens allein die Kammer war jetzt ungedultig und wollte nach der 4 tägigen Schlacht endlich zum SturmAngriff dh zur Abstimmung gelangen. –

Petazzi der während der letzten Tage abwesend gewesen war – und nun um sein Versprechen zu lösen auch noch sprechen wollte konte während mehr als ¼ Stunden den Schluß-(voti)Rufen gegenüber nicht zu Wort kommen; und als er vollends sagte «er stimme aus commerziellen industriellen und politischen Gründen für den Vertrag bschon er denselben schlecht finde» – hatte er es mit Freund u Feind verdorben| und wurde zum Schweigen gezwungen. Auch Correnti der nun doch Pettazzi gegenüber sich noch vertheidigen wollte wurde nicht mehr angehört u muß seine Rede im Senat an den Mann zu bringen trachten. –

Bei der Abstimmung wurden alle [Suspents?] – Anträge mit großer Mehrheit verworfen – und die einzelnen Artikel in offener Abstimmung angenommen.

Der Zusatz Italien nun zu mehr als 45 Millionen Subventionen veranlaßt werden könne – war zwischen Sella u dem Grafen Brassien vereimbart worden! Derselbe wurde von Massari : /einem Splügisten/: bekämpft – weil es dem Gotthard mehrere Stimmen sicherte. Am Abend des 14t sind viele Deputirte, da nun die Sache als entschieden betrachtet werden konnte, wieder abgereist. –

Indeßen haben die Gegner des Gotthard gestern d 15t, noch im letzten Stadium der Ballotage Schwierigkeiten gemacht die aber fruchtlos blieben. –

Daß endlich 161 für und 51 Stimmen gegen den Gotthard abgegeben worden sind habe ich Ihnen gestern telegraphisch mitgetheilt. –|

Diese 51 Stimmen wurden abgegeben von der Linken (außer Bertani der offen für den Gotthard stimmte) den Veltlinern wie Bonfadini usw u anderen Splugisten – und [andern?] von den mit Peruzzi stimmenden Toskanern.

Im Senat ist der Entscheid nicht zweifelhaft, ich glaube daher um so weniger länger hier blieben zu sollen – als Herr Pioda wieder soweit hergestellt scheint um sich der Geschäfte annehmen zu können. – Zum Schluß hochgeachteter Herr erlaube ich mir noch ein Curiosum mitzutheilen und eine Nutzanwendung daran zu knüpfen.

Gestern theilte ein erster, glaubwürdinger Deputirter Herrn Pioda & mir mit: «Graf Brassien habe einen Splügisten gefragt: «Sie hätten ganz recht gehabt sich tüchtig zu wehren – denn es unterliege keinem Zweifel, daß Italien und Deutschland durch den Vertrag durch die Schweiz übervortheilt werden!»»– (das «Wort war noch viel stärker!»).

Wenn ich diese einfältige Klatscherei dem Oberst [Flammen ?] mitgetheilt – und dieser sie Hrn Dellbrük hinterbracht hätte – wie hätte dieser sich wohl dabei benommen? Ich zweifle nicht daran, daß er Hrn [Flammen ?] einfach den Rücken gekehrt hätte – und dabei hätte er Recht gehabt! –|

Man muß zu seinem Bevollmächtigten entweder Vertrauen haben – oder man muß denselben zurükberufen. Man hat aber sehr Unrecht sein ohr den einfältigsten Klatschereien zu öffnen. –

Bei meiner Rükkehr werde ich die Ehre haben Ihnen schriftlich vorzulegen wie unsinnig – um nicht zu sagen niederträchtig andere Klatschereien waren – bei welchen man sich auf den Grafen Brassien berufen hat. Ich wiederhole daß ich mich dieß Jahr des Grafen Brassien nur zu rühmen hatte – er hat mir seine Hülfe wenn ich ihn darum ansprach nie versagt. –

Sehr erfreut endlich an das Ziel zahlloser Bemühungen von denen Sie sich kaum einen richtigen Begriff machen können gelangt zu sein verbleibe ich

hochachtungsvoll

Dr Gonzenbach

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «empf. 19 " "» .