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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B3450 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Mittwoch, 14. Juni 1871

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Florenz den 14t Junj 1871 1

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

An meinen Bericht vom 11t dMts anknüpfend, erlaube ich mir Ihnen den weitern Verlauf der Verhandlungen mitzutheilen.

Der Minister Correnti kam Sontag Nachmittags versprochener maaßen zu Herrn Pioda, wo wir die Sachlage einläßlich besprachen. –

Einige Details über die dem Splügen zugesagten Subventionen – und über den Bau der InsbrukFeldkirchen Bahn habe ich dem Herrn Minister zu seiner Orientirung vom 12t d. Mts schriftlich übergeben. –

Im Laufe des Morgens vom 14t dieß hatte ich denn auch die vom Herrn Minister Sella gewünschte Unterredung mit demselben. –

Der Herr Minister verhehlte nicht große Zweifel über den Entscheid der Kammer zu haben – die durch mehrere Deputirte die er zu sich berufen habe bestärkt worden seien. Auch auf ihn hatte die Auseinandersetzung Zanardellis großen Eindruk gemacht – indem seiner Ansicht nach die Schweiz augenscheinlich die Tessiner-Linien mit italienischem Geld erstelle – zumal die Tessiner Beiträge dagegen kaum in Betracht kämen! –|

Ich theilte nun dem Herrn Minister die Brochure Kollers mit – welche so über viele Irrthümer die Herr Zanardelli vorgebracht habe – aufklären werde, namentlich aber suchte ich den Herrn Minister davon zu überzeugen daß die deutschen und italienischen Subventionen – nicht mehr und nicht weniger als die Kosten des Tunnels decken werden.

Auf mein Ersuchen – ein entscheidendes Wort in der Kammer zu sprechen erwiederte der Minister: «ich könne mich nun selbst überzeugen – wie schwierig seine Stellung als Finanz Minister, der das Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen als Programm aufgestellt habe sei, – und wie nothwendig es für ihn gewesen sei die Beiträge Italiens durch Verwerthung des Materials des Mont Cenis zu veringern usw.» Im übrigen versprach der Herr Minister festzuhalten – und sich selbst aufs Ende der Discussion zu reserviren – dann aber alle Verschiebungs- und AbänderungsAnträge entschieden abzulehnen. –

Seiner Ansicht nach sollte nun in der Sitzung vom 12t Nachmittags der HandelsMinister Castagnola dem VerschiebungsAntrag Villa Penrices entgegentreten und als Vertreter Genuas – einen schnellen Entscheid zu Gunsten des Gothard fordern. Correnti sollte Peruzzi antworten und| die Vorzüge des Gothard gegenüber dem Splügen ins Licht setzen. Er selbst werde dann am Schluß der Berathung – vom Standpunkt des finanziellen Gleichgewichtes, den Bau der Linie fordern um Handel – und Industrie zu fördern u Italien den Transit wieder zuzuwenden den es in den letzten Jahren eingebüßt habe. –

In Folge dieser Unterredung gieng ich Nachmittags zuversichtlich in die Kammer, wo dann auch der Verschiebungs Antrag Villa-Penricis durch den Minister Castagnola glüklich bekämpft wurde. Allein nun brachte der Deputirte [Arrivabene?] die Verhandlung aufs politische Gebiet – und dieß gab dem Deputirten Peruzzi die Veranlaßung die Kammer an seinen beredten Vortrag zu feßeln. –

Nachdem er mit vieler Sachkentniß und unter Anführung vieler Zahlen hervorgehoben welches die Vorzüge des Gothard und welche diejenigen des Splügen seien – wobei er sich vorbehielt unter Umständen selbst für den Gothard zu stimmen – protestirte er gegen die politischen Rüksichten die zu Gunsten des Gothard angeführt worden seien – erinnerte an Solferino und an Magenta und rief dadurch auf der Rechten einen Sturm von Beifall hervor. Man mußte der Kammer Zeit laßen sich wieder zu sammeln! und daher brach der Präsident Biancherj denn auch sehr geschikt ab – und kündigte die Fortsetzung der Verhandlung auf den folgenden Tag an. Am Schluße seines Vortrags| hatte Herr Peruzzi nämlich bemerkt: er hoffe die Gerüchte als wolle das Ministerium abermals die Cabinettsfrage stellen – seien unbegründet denn sollte es dem also sein – so würde dieß beweisen daß die Kammer nur die Beschlüße des Ministeriums bestätigen dürfe!

Der Präsident Lanza hatte darauf erwiedert – die Cabinetsfrage werde durch Peruzzi selbst gestellt, und Minister Sella erklärte – er werde dem Herrn Peruzzi – am nächsten Tag antworten.

Dieß ist denn auch geschehen – zu der gestrigen Sitzung sprach einzig der Minister Sella – ohne sich in viele Zahlen einzulaßen – empfahl er den Gesetzes Vorschlag – des Ministeriums – u stellte am Schluß – die Cabinetts Frage aufs allerBestimteste.

Nach diesem Vortrag wurde die allgemeine Discussion geschloßen. Alle Deputirten die ich seither sprach sind der Ansicht, dadurch sei die Mehrheit gesichert; selbst Herr Peruzzi der auf die diplomatische Tribüne kam erklärte – er würde nicht gesprochen haben wenn er gewußt hätte, daß das Ministerium eine Cabinetsfrage daraus, mache – indem im Augenblik der Uebersiedlung nach Rom eine MinisterCrise eine Unmöglichkeit sei! –

Sie mögen daraus abnehmen hochgeachteter Herr – wie wichtig es war daß die Sache hier noch verhandelt wurde – denn in Rom hätte selbst die Cabinetsfrage nicht mehr gewirkt. –

Daß wir es durchsetzten dem Gothard den Vorrang vor der MilitärOrganisation zu geben – habe ich der energischen Verwendung des Grafen Brassier zu danken – der nachdem er mein bezügliches Schreiben erhalten sofort aufs Ministerium des Äußern gieng| und die Gefahren andeutete denen sich das italienische Ministerium aussetze wenn es das deutsche Reich in seinen wohlbegründeten Erwartungen täusche. Glüklicherweise verzichtete dann der Kriegs Minister Ricotti auf die Priorität – und die Minister Lanza, Sella & Castagnola – einsehend wie wichtig es für Italien sei, in nächster Zukunft die Unterstüzung Deutschlands zu haben versprachen aufs Bestimteste – daß die Gothard Frage hier noch behandelt werden solle. –

Entschieden ist die Sache indeßen auch jetzt noch nicht – denn in der geheimen Abstimmung ist Alles möglich!

Leider war in der ganzen Kammer auch nicht ein Deputirter – welcher mit Sachkentniß für den Gothard sprach – während der Splügen durch BonfadiniZanardelli und Peruzzi sehr gut vertheidigt worden ist. –

Noch muß ich eines Umstandes erwähnen – der sich im Laufe der gestrigen Sitzung zutrug, nämlich der Erklärung Grattonis – daß er beim Gothard weder betheiligt war – noch betheiligt sei – noch betheiligt sein werde!

Grattonj sprach sehr würdig – und machte einen großen Eindruck auf die Kammer – so daß Bertanj gezwungen wurde – beschwichtigende Erklärungen abzugeben – und zu versichern er habe nie daran gedacht Herrn Grattonj deßen Verdienste er vollkommen anerkenne zu nahe zu treten. –|

Die Erklärung Grattonis lautet wörtlich wie folgt:

L'altro giorno l'on. Bertanj accuro il ministero die essere stato nella convenzione del Gottardo, un mediatore compiacente verso di me.

Io dichiaro all'on. Bertani ed alla Camera che non ho avuto, non ho e non avrò mai alcun interesse nella ferrovia del Gottardo. Allor chè aderi alla proposta del ministero per ciò che riguardara il materiale del Moncénisio lo feci perchè ritorni che in questo modo si potesse diminuire il concorso pecuniario dell'Italia nell'impresa.

È bensi vero che ho aggiunto che il personale che era nel Cenisio occupato nel traforo potera benissimo servire ultimente anche ai lavori del Gottardo, ma con ciò non credo di avere fatta casa che sia incompatibile coi mei doveri di membro di una Giunta. –

Del resto o Signori, la mia vita passata risponde per me, tutti sanno che mai il mio interesse privato mi fece deviare dalla via di rettitudine che mi sono tracciata. Durante quindici anni io hanno consumato la mia attivita e le mie forze, nel traforo Moncenisio. Esso è ora finito, ed io so che il paese ne è contento. Questa e la sola soddisfazione che ho ambito; ad essa si tengo ed é perciò che io dico francamente che il mio còmpito è finito. Ripeto perciò, che non ho avuto, non ho è non avrò, mai alcun interesse nel traforo del Gottardo e non ne avrò neppure in altri affari. |

Nachdem die Kammer diese Erklärung mit lebhaftem Beifall aufgenommen hatte erklärte dann: Bertanj : Riconosce che la gloria della quale s'è ciuto l'on. Grattoni col suo gigantesco lavoro, debba bastargli e dichiara che egli non ebbe mai il pensiero di menomarla & &. Das Resultat der heutigen Abstimmung werde ich Ihnen telegraphisch mittheilen. Spricht sich die Mehrheit für den Gothard aus wie ich es hoffe, so werde ich dann die Sache nochmals dem Grafen Menabrea für die Discussion im Senat [......?]. Und ihm die Kollernne Schrift übergeben. –

Längeres Verweilen hier halte ich dann aber für um so überflüßiger als Herr Pioda glüklicherweise soweit hergestellt ist – daß er es gestern wagen durfte in die Kammer zu fahren – und den Verhandlungen während einer Stunde beizuwohnen.

Uebrigens verbleibe ich

hochachtungsvoll

Dr Gonzenbach

PS. Gestern Nachts 11 Uhr habe ich Ihr Telegram erhalten und werde mich je nach Umständen darnach richten. –

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1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «empf. 16 " "» .