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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B3446 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Sonntag, 14. Mai 1871

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Staatsverträge

Briefe

Florenz den 14t Mai 1871.

Herrn Dr Alfred Escher NationalRath

Hochgeachteter Herr.

Für den Fall, daß Sie Gründe haben, die Sie abhalten sollten, selbst hierher zu kommen, wodurch die Sache wohl am meisten gefördert würde, erlaube ich mir, Ihnen in Kürze mitzutheilen was mir der Hr Minister Sella heute in einer langen Audienz mitgetheilt hat. –

Derselbe insistirte, daß ihm eine offizielle beruhigende Erklärung rüksichtlich – beider in seiner Verbalnote vom 3t App. erwähnten Punkte in die Hand gegeben werde – widrigen Falls er es nicht wagen würde den Vertrag v. 18 Oct. 69. der Kammer vorzulegen. Man müße nämlich sich die Zusammensetzung der Kammer vergegenwärtigen – und sich fragen was die Unschlüßigen Schwankenden günstig zu stimmen geeignet seie?

Die entschiedenen Freunde der GotthardLinie laße er für einmal bei Seite – und ebenso die systematischen Gegner des Ministeriums.

Hingegen müße er überlegen was er zu antworten habe, wenn vom Standpunkt der finanziellen Lage Italiens, im Schooß der Kammer, die Anfrage gestellt werde: – ob man daran | gedacht habe aus dem sehr kostspieligen Material das beim Mont Cenis gedient, Nutzen zu ziehen? und wie er dem Einwurf begegnen könne: man habe im Vertrag selbst weder darauf Rüksicht genommen, daß die am Mont Cenis auf Kosten Italiens gemachten Erfahrungen beim Gotthard verwerthet werden – noch daß neben dem italienischen Capital auch italienische Intelligenz und ArbeitsKraft beim Bau der GotthardLinie verwendet werden!

In diesen Richtungen allen müße er gestüzt auf offizielle Akten – beruhigende Erklärungen geben können, wenn nicht die Sache scheitern soll:

Rüksichtlich des ersten Punktes brachte ich dem Herrn Minister, die in meinem Schreiben v 11 App an Hrn Gratto[n?]i gegebene Zusicherung in Erinnerung – die laut Ihrer Depesche v 28 App. durch das Gotthard Comite bestätiget worden sei.

Der Herr Minister sprach dießfalls jedoch den Wunsch aus, daß der Bundesrath in beliebiger Form, durch seinen Gesandten hier, oder durch den italienischen Gesandten in Bern dem hießigen Ministerium eine analoge Zusicherung gebe – da der Vertrag v 15 Oct 69 mit den Delegirten des BundesRathes abgeschloßen worden sei. – |

In Betreff des zweiten Punkts versicherte mir der Herr Minister, daß es sich gar nicht darum handle den HH Grattoni u Sommelier usw ein «Geschäft» zu sichern; es sei ihm ganz gleichgültig wenn der BundesRath es vorziehe sich an andere bei dem Bau des Mont Cenis verwendete tüchtige jüngere Ingenieure zu wenden – wichtig für Italien sei aber daß die gemachten Erfahrungen zu Nu[tze?] gezogen werden – weil dieß eine schnelle Vollendung der so wichtigen Bahn sichere und darauf müße er somit bestehen! Für die KammerVerhandlung sei überdieß von Bedeutung, daß er die Zusicherung geben könne, daß italienische Arbeitskräfte in höhern und niedern Stellungen Verwendung finden werden; denn er besorge sehr der Einwurf, daß man durch den Vertrag se... dafür hätte sorgen sollen; – daß nicht nur italienisches Geld beim GotthardBau verwendet werde, sondern auch italienische Kentniße und italienischer Fleiß.

Wie diese Erklärung abgegeben werden wolle überlaße er dem BundesRath – der vielleicht gut daran thäte – den Ingenieuren aller subventionierenden Staaten – die Möglich keit zu wahren, an den bezüglichen Ar beiten Theil zu nehmen – jedenfalls aber müße er eine Zusicherung in dem angedeuteten Sinne in Handen haben – bevor er es wage vor die Kammer zu treten. – |

Wollen Sie nun hochgeachteter Herr, die Sache in Ueberlegung ziehen – und den BundesRath veranlaßen gestüzt auf art 11 des Vertrags v 15 Oct 69. die angedeuteten beruhigenden Erklärungen zu geben und zwar mit möglichster Beförderung denn auch der Minister Sella wiederholte: daß nach der Uebersiedlung nach Rom die Chancen für Annahme des Vertrages sich sehr vermindern würden.

Herr Pioda wird direct an den Bundesrath schreiben – und eine Abschrift des vorliegenden Schreibens beilegen um nicht in Wiederholungen zu fallen. Ihrem persönlichen Eintreffen – oder denn aber – einer bestimmten Antwort, durch welche die waltenden Difficultäten gehoben werden mit Verlangen entgegensehend verbleibe ich

Hochachtungsvoll

Dr Gonzenbach.

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