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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3400 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_002 (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 102

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Montag, 10. Mai 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Compagnie des chemins de fer de l'Est (französische Ostbahn) (EST), Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Società per le strade ferrate alta Italia (Oberitalienische Eisenbahngesellschaft) (SFAI), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Bundespräsident!

Neuerdings laufe ich Gefahr, wie mir dieß schon oft begegnet ist, durch Begehungs- oder Unterlassungssünden Dritter compromittirt zu werden!

Ich hatte, wie ich Ihnen dieß am letzten Donnerstage mitzutheilen die Ehre hatte, alle Anordnungen getroffen, um Sie auf verwichenen Freitag in den Besitz der für den H. Bundesrath & für die subventionirenden fremden Staaten bestimmten Pläne für das Gotthardbahnproject1 zu setzen, & ich glaubte, daß diese Anordnungen pünctliche Vollziehung gefunden haben. Erst Ihre heutige verehrl. Depesche2, in welcher Sie mich um Einsendung der Pläne ersuchten, setzte mich davon in Kenntniß, daß dem nicht so sei. Erkundigungen, die ich in Folge dessen sofort einzog, ergaben, daß Herr Ingenieur Koller, um einige überflüssige Detailangaben in die Pläne aufnehmen zu lassen, in meine Anordnungen eingegriffen & dadurch eine Verzögerung der Vollendung der Pläne herbeigeführt hatte, welche sich bis zum Ende der gegenwärtigen Woche zu erstrecken drohte. Sie können sich denken, wie ärgerlich mir diese Entwicklung| war, namentlich auch im Hinblicke auf mein Ihnen gegebenes Versprechen, daß die Pläne mit letztem Freitage an Ihre verehrl. Adresse gelangen sollen! Ich habe nun ohne Verzug die durch die Umstände gebotenen Maaßregeln ergriffen, in Folge welcher es möglich werden wird, künftigen Mittwoch Abend
2 große Situationspläne
4 kleine "
3 große Längenprofile &
4 kleine " an Sie abgehen zu lassen. Die Mappen, welche der Sendung beigelegt sein werden, sollen je 1 großen, 1 kleinen Situationsplan, 1 großes & 1 kleines Längenprofil enthalten. Da der Bundesrath bereits im Besitze eines großen Situationsplanes sich befindet, so wird er also am Donnerstag Morgen Italien, dem Norddeutschen Bunde & Baden je eine Mappe mit vollständigem Inhalte übermitteln können. Einen großen Situationsplan & ein großes Längenprofil, für den H. Bundesrath bestimmt, würde dann später nachgesandt werden. In Folge dieser Anordnungen wird die ohne meine Schuld eingetretene Störung möglichst wenig nachtheilig wirken. Dabei nehme ich an, daß die Schreiben des H. Bundesrathes an Italien, den Norddeutschen Bund & Baden einstweilen ohne die Pläne abgehen & die beförderliche Nachsendung der letztern in Aussicht gestellt werden könnte. Verzeihen Sie,| Hochgeachteter Herr Bundespräsident! die Statt gehabte Ordnungswidrigkeit. Sie haben gewiß auch schon die Erfahrung gemacht, daß, wenn man die besten Anordnungen getroffen zu haben glaubt, sie an einer mangelhaften Vollziehung scheitern.

Die Conzessionsunterhandlungen im Tessin3 haben in den letzten Tagen wieder eine bessere Wendung genommen. Indessen soll man den Tag nicht vor dem Abende loben!

Noch glaube ich Ihnen von einem Gespräche, das Hr. v. Röder am letzten Donnerstage mit mir hielt, Mittheilung machen zu sollen. Er fragte mich, ob nicht etwa die französische Ostbahn ihre Bereitwilligkeit, bei der Ausführung der Gotthardbahn mitzuwirken, an den Tag gelegt habe & ob ich nicht glaube, daß eine solche Mitwirkung für die Deutsch-Rheinischen Interessen sehr bedrohlich wäre. Ich erwiederte ihm, daß von dieser Seite her «keine derartige Anregung erfolgt sei» & wohl auch nicht zu erwarten stehe, daß aber, wenn sie gleichwohl Statt finden sollte & auf sie eingegangen würde, eine Gefährdung der deutschen Interessen nicht gedenkbar sei, wenn nicht den französischen Bahnen besondere Begünstigungen zugesichert werden, woran hier zu Lande niemand denke. Auf diese Antwort hin ging Hr. v. Röder auf ein anderes Thema über.

Aus Italien habe ich von Hrn. Feer-Herzog po Beitritt zum Consortium erst einen ganz vorläufigen Bericht. In Deutschland gehen die Dinge in dieser Beziehung nicht gerade ungünstig, aber doch sehr langsam.4 |

Sie wissen wohl schon, daß eine große Lucmanier Combination in Paris ausgeheckt worden ist5 & von Planta, Wirth-Sand u. s. f. auch in Deutschland kolportirt wird. Das Project will keinen Tunnel, sondern den Berg überschreiten; es erfordert 78 Millionen & basirt auf 28 Millionen Subventionen, welche von Schweiz. Cantonen & Eisenbahngesellschaften, von der Oberitalienischen Bahngesellschaft, von Italienischen Städten, aber nicht von auswärtigen Staaten beigebracht werden sollen. Finanzplan ungefähr wie derjenige, welcher der Suezcanalunternehmung6 zu Grunde liegt.

Es wäre mir, auch zur Orientirung des Hrn. Feer, erwünscht zu wissen, auf wessen Anregung hin der Bundesrath die Italienische Regierung über ihre Intentionen betreffend das Verbindungsstück ChiassoCamerlata angefragt hat.7 Sehr dankbar würde ich Ihnen auch für Mittheilungen über die heutigen Verhandlungen des Bundesrathes8 sein.

Genehmigen Sie, Hochgeachteter Herr Bundespräsident! die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem ergebenen

Dr A Escher

Zürich
10. Mai 1869.

Kommentareinträge

1Diese Pläne ergänzten das Schreiben des Ausschusses der Gotthardvereinigung an den Bundesrat vom 22. April 1869 und dienten als Basis für die internationale Gotthardkonferenz in Bern im September und Oktober 1869. Vgl. Schreiben Ausschuss Gotthardvereinigung an BR, 22. April 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB07_002); NZZ, 24. April 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 24.

2 «Bundesrath hat beschlossen den Auswärtigen Staaten eine Conferenz vorzuschlagen. Bitte um Einsendung der Pläne.» Telegramm Emil Welti an Escher, 10. Mai 1869 (BAR J I.2).

3Die Konzessionen für die Linien ChiassoLugano und LocarnoBellinzonaBiasca hatte der Ausschuss der Gotthardvereinigung bis im März 1869 übernommen. Ab Mitte April 1869 unterhandelte Samuel Friedrich Siegfried als Delegierter des Ausschusses mit dem Staatsrat des Kantons Tessin über die Vergabe der Konzessionen für die Linien BiascaUrner Grenze und BellinzonaMonte CeneriLugano. Vgl. NZZ, 19. April 1869, 1. Juni 1869; Prot. BR, 12. März 1869; Prot. BR, 27. März 1869; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Januar 1869, 9. Februar 1869, 25. Februar 1869, 15. März 1869, 10. April 1869, 19. April 1869, 20. Mai 1869; Processi verbali del Gran Consiglio, 27. April 1869 (S. 103–104); Processi verbali del Gran Consiglio, 14. Mai 1869 (S. 347–352); Processi verbali del Gran Consiglio, 15. Mai 1869 (S. 398); Alfred Escher an Emil Welti, 30. Mai 1869.

4Gemeint ist das Konsortium für Ausführung der Gotthardbahn, für das in der Schweiz bis April 1869 rund 29 Mio. Franken als gesichert gelten konnten. Feer-Herzog und Georg Stoll unternahmen in Berlin und in Italien Schritte, um ausländische Bankhäuser zu veranlassen, sich durch Aktienübernahme den schweizerischen Geldinstituten des Konsortiums anzuschliessen. Vgl. Prot. Consortium Gründung Gotthardbahn, 12. April 1869 (S. 3–5); Emil Welti an Alfred Escher, 6. April 1869, Fussnote 13; Die Gotthardvereinigung, Geldbeschaffung: Die Bildung des Finanzkonsortiums.

5Am 29. April 1869 wurde in Paris ein Bau- und Kapitalvertrag zwischen Wirth-Sand als Vertreter des Lukmanierkomitees und Financiers unterzeichnet. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist die Korrespondenz zwischen Arnold Otto Aepli, Vizepräsident des Verwaltungsrates der Vereinigten Schweizerbahnen, und dem Fürsten Karl Anton von Hohenzollern. Vgl. Gygax, Wirth-Sand, S. 30–31; Brief Arnold Otto Aepli an Karl Anton von Hohenzollern, 5. März 1869, in: Dierauer, Korrespondenz, S. 56–58; Brief Arnold Otto Aepli an Karl Anton von Hohenzollern, 16. März 1869, in: Dierauer, Korrespondenz, S. 58–60; Brief Arnold Otto Aepli an Karl Anton von Hohenzollern, 8. Mai 1869, in: Dierauer, Korrespondenz, S. 61–62; Die Gotthardvereinigung, Ringen mit den Splügenpromotoren.

6Der Suezkanal, dessen Bau 1859 begonnen worden war, wurde am 17. November 1869 eingeweiht. Der ursprüngliche Finanzplan sah vor, dass das Aktienkapital, um den internationalen Charakter des Unternehmens zu wahren, zur Hälfte von Frankreich, im übrigen von möglichst vielen anderen Staaten aufgebracht werden sollte. Vgl. Kienitz, Suezkanal, S. 29–30, 41–43.

7Nach der Übernahme der Konzession für die Strecke LuganoChiasso durch den Ausschuss der Gotthardvereinigung verhandelte Feer-Herzog in Italien mit Vertretern der Società per le strade ferrate alta Italia über den Anschluss dieser Bahnen an das Tessiner Schienennetz bei Chiasso. Mit einem Gesuch vom 30. April ersuchte die Regierung des Kantons Tessin den Bundesrat, sich bei der italienischen Regierung über «deren Absichten in Betreff der Geltendmachung ihrer Rechte gegenüber der oberitalienischen Eisenbahngesellschaft» hinsichtlich dieser Verbindungsstrecke zu erkundigen. Prot. BR, 5. Mai 1869. Vgl. Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 30. März 1869, 10. April 1869; Prot. BR, 5. Mai 1869; Prot. BR, 26. Mai 1869.

8Der Bundesrat beschloss am 10. Mai, die Negotiationen in der Gotthard-Alpenbahnfrage mit dem Norddeutschen Bund, Italien und dem Grossherzogtum Baden zu eröffnen und «denselben zu diesem Zweke eine Konferenz von Bevollmächtigten in Bern vorzuschlagen» . Prot. BR, 10. Mai 1869.