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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3396 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_001 (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 196

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Sonntag, 26. September 1875

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardtunnel, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Tunnelbau

Briefe

Hochverehrter Herr & Freund!

Wenn ich Ihnen bis zu meinem heutigen Telegramme1 keine Mittheilungen in Sachen des Favre'schen Nachtragsvertrages gemacht habe, so erklärt sich dieß aus dem einzigen, aber enthscheidenden Umstande, daß ich nicht in der Lage war, Ihnen einen bestimmten Bericht zukommen zu lassen.

Favre hat am 20 dß. seine Abänderungsanträge zu dem Vertragsentwurfe, den er tel quel, somit ohne Abänderungsanträge, annehmen zu wollen Ihnen erklärt hatte, dem Oberingenieur eingesandt. Diese Abänderungsanträge waren durchaus nicht etwa bloß technischer Natur, als welche er sie angekündigt, sondern sie hatten, wenigstens zum Theile, eine nicht unerhebliche finanzielle Tragweite. Die Direction discutirte sie am | 21. & nahm, wenn auch in rectifizirter Form, den überwiegend größten Theil derselben an.2 Es wurden dann Hrn. Favre Vertragsexemplare zur Unterzeichnung zugestellt, welche gegenüber dem seiner Zeit in Ihre Hände gelegten Entwurfe, dessen Annahme Hr. Favre Ihnen zugesagt, die drei Zugeständnisse, welche ich ihm nachträglich gemacht & die ich Ihnen mündlich mitgetheilt habe, sowie alle die weitern Conzessionen enthielt, zu welchen sich die Direction vermittelst ihrer Schlußnahme vom 21. dß. herbeigelassen. Ich habe diese Conzessionen & jene drei Zugeständnisse in der Beilage3 zusammenstellen lassen. Sie finden in derselben somit alle Abänderungen des in Ihre Hände gelegten & von Hrn. Favre angenommenen Vertragsentwurfes, zu denen die Direction nachträglich noch die Hand geboten. Ich glaube, Sie auf diesem Wege am genauesten & am raschesten über das, was seit unserer letzten mündlichen Unterredung am 18. dß. geschehen ist, orientieren zu können. Man sollte glauben, die Unterzeichnung jenes neusten modifizirten Vertragsentwurfes der gegenüber dem von Hrn. Favre bereits an| genommenen eine Reihe von weitern Zugeständnissen zu seinen Gunsten enthielt, wäre auf keine Schwierigkeiten mehr gestoßen. Dem war aber nicht so. Gestern Nachmittag noch verweigerte Hr. Favre die Unterzeichnung während wir ihm bis gestern Frist für dieselbe angesetzt hatten. Angesichts dieser Thatsache erlaubte ich mir gemäß der zwischen uns getroffenen Verabredung, Sie um Einberufung des Hrn. Favre & seiner Commanditäre nach Bern zu ersuchen. Da ich gegenwärtig Gesundheits halber nicht reisen darf, so sollte Hr. Hellwag heute früh 10 Uhr bei Ihnen vorsprechen um Sie über die Sachlage zu orientiren.4 Gestern Abend ganz spät traf dann aber Hr. Rambert hier ein. Ich trat sofort mit ihm in Verhandlung & es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, daß Hr. Favre den neusten modifizirten Vertragentwurf unterzeichnen müsse. Er erklärte mir, er werde in diesem Sinne nachdrücklich auf Hrn. Favre einwirken. Die Verhandlungen wurden heute früh wieder aufgenommen & gegen 10 Uhr unterzeichnete dann endlich Hr. Favre. In der selben Minute, in welcher es geschehen war, benachrichtigte ich Sie davon, sowie| von der unter diesen Umständen nicht erfolgten Abreise Hellwag's nach Bern. Zu meinem Bedauern habe ich aus Ihrem Telegramme5 von heute morgen ersehen müssen, daß meine Depesche mehr als eine Stunde, nachdem sie hier aufgegeben worden, noch nicht in Ihre Hände gelangt war. Ich befreue mich, daß es schließlich doch noch gelungen ist, vor dem Zusammentritte der internationalen Commission6, wenn auch erst in der letzten Stunde, hinsichtlich des Verhältnisses der Gotthardbahngesellschaft zu der Unternehmung des Baues des großen Tunnels eine klare Situation zu schaffen, & ebenso gereicht es mir zur Genugthuung, daß wir Sie nicht neuerdings in einer Angelegenheit bemühen mußten, die Sie schon so viel Zeit, Arbeit & auch Verdruß gekostet hat. Ich erfülle eine angenehme Pflicht, indem ich Ihnen wiederholt herzlichen Dank dafür sage.

Gewiß wird es sie noch interessiren & freuen zu vernehmen, daß Hr. Ing. Kauffmann als Inspector der Tunnelbauten der Gotthardbahn in den Dienst unserer Gesellschaft tritt & in demselben bis zur Vollendung der sämmtlichen Tunnel verbleiben wird. Er wird sein Amt morgen schon antreten. Die Sectionsingenieure in Göschenen & Airolo, Gruber7 & Metzger8, haben eine anderweitige Verwendung| erhalten. Zum Sectionsingenieur in Airolo ist Bolley9, der Adlatus Kauffmann's bei dem Baue des Bötzberg tunnels, ernannt worden. Kauffmann versicherte mich, daß Bolley sich zur Lösung der schwierigen Aufgabe, die seiner wartet, eigne wie kaum einer. Die Stelle eines Sectionsingenieurs in Göschenen, für welche Kauffmann keinen Vorschlag zu machen wußte, ist dem unserm technischen Personale bereits angehörenden Ing. Dolezalek10, welcher als besonders tüchtig & im Tunnelbaue erfahren gilt, übertragen worden. Ich verspreche mir von der Einwirkung dieses neuen Personales auf das ganze Gebahren des Hrn. Favre das Beste.

Mit herzlichem Gruße

Ihr

Dr A Escher

Zürich
26. Septr 1875

Kommentareinträge

1 «F. hat endlich unterzeichnet. Unter diesen Umständen kommt Hellwag nicht zu Ihnen & bitte ich Sie, die auf Morgen erfolgte Einberufung der bewußten Personen rückgängig machen zu wollen. Brief folgt.» Telegramm Escher an Emil Welti, 26. September 1875 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_001).

2 Vgl. Prot. Dir. GB, 21. September 1875 (S. 717–727).

3Beilage nicht ermittelt.

4Am Vormittag des 21. September benachrichtigte Escher Welti per Telegramm, er halte, «wie die Dinge in diesem Augenblicke stehen, [...] die bewußte Einberufung nicht für nothwendig» . Am Nachmittag des 25. September hatte sich die Situation verändert. Escher telegraphierte: «Ersuche Sie, die bewußten Personen, wenn Ihnen irgend möglich, auf Montag einzuberufen. Kann Hellwag Sie Morgen Vormittag 10 Uhr im Bundesrathhause treffen?» Nach der Unterzeichnung des Vertrags durch Favre am Morgen des 26. September erübrigten sich diese Treffen. Telegramm Escher an Emil Welti, 21. September 1875 (1) (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_001); Telegramm Escher an Emil Welti, 25. September 1875 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_001). Vgl. Telegramm Escher an Emil Welti, 26. September 1875 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_001).

5Telegramm nicht ermittelt.

6Die alljährlich gehaltene Besichtigung des Tunnels durch Delegierte der drei Subventionsstaaten zur Berechnung der verausgabten Baukosten fand für das dritte Baujahr am 1. Oktober 1875 in Göschenen, am 2. Oktober in Airolo statt. Am 29. September war eine erste Besprechung dieser internationalen Kommission in Luzern vorgesehen. Vgl. Prot. BR, 1. September 1875; Prot. BR, 27. September 1875; Prot. BR, 11. Oktober 1875; Geschäftsbericht GB 1875, S. 33; Alfred Escher an Emil Welti, 8. Oktober 1875.

7 Carl Gruber (geb. 1846), Thurgauer Ingenieur, Adjunkt des Vorstands der Sektion Faido der Gotthardbahn-Gesellschaft; bisheriger Vorstand der Sektion Airolo der Gotthardbahn-Gesellschaft.

8 Carl Mezger (geb. 1843), württembergischer Ingenieur, Adjunkt in der Abteilung Inspektorat der Gotthardbahn-Gesellschaft; bisheriger Vorstand der Sektion Göschenen der Gotthardbahn-Gesellschaft.

9 Wilhelm Bolley (geb. 1832), württembergischer Ingenieur, Vorstand der Sektion Airolo der Gotthardbahn-Gesellschaft; Bolley war von 1871 bis 1875 Bauleiter der Nordseite des Bözbergtunnels.

10 Carl Dolezalek (1843–1930), österreichischer Ingenieur, Vorstand der Sektion Göschenen der Gotthardbahn-Gesellschaft; bisheriger Adjunkt des Vorstandes der Sektion Bellinzona der Gotthardbahn-Gesellschaft. – Dolezalek wurde 1878 zum Professor für Ingenieurwissenschaften in Hannover berufen und etablierte sich als Autorität speziell auf dem Gebiet des Tunnelbaus. Vgl. Die Eisenbahn XII, Nr. 22, 29. Mai 1880, S. 132; Schweizerische Bauzeitung XCV, Nr. 7, 15. Februar 1930, S. 97.