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Korrespondenz: Alfred Escher – Konrad Schellenberg

AES B3270 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#428*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 407

Konrad Schellenberg an Alfred Escher, Hottingen, Samstag, 1. Mai 1880

Schlagwörter: Bittbriefe (diverse), Gotthard-Durchstich, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardtunnel, Presse (allgemein)

Briefe

Hochgeachteter Herr Nationalrath!

Nachdem dieser Tage durch die öffentlichen Blätter vernommen habe, daß Sie wieder nach Zürich zurückgekehrt sind1, erlaube mir, Sie mit einer Bitte zu belästigen.

Bei Anlaß des glücklichen Durchbruchs des großen Gotthardtunnels wurde unserer Regierung zu Handen des Staatsarchivs eine silberne Medaille übersandt2, wie solche den Tunell-Arbeitern gegeben wurde. Dieses machte in mir den Wunsch rege, ebenfalls je ein Exemplar in die subventionirenden Gemeinden von Zürich & Umgebung zu erhalten & gab diesen Gedanken Herrn Stadtpräsident Dr Römer3 als Präsident der Gemeindekommission4 zu erkennen, welcher, wie er mir nachher sagte, das gleiche Gefühl hatte. Allein ein bezügliches Gesuch von ihm war ohne Erfolg. Auf meine eigene Verwendung bei Herrn Direktions-Präsident Zingg erhielt dann eine Bronce-Medaille mit der Bemerkung, daß nur wenige silberne noch vorhanden seien. Der hiesige Gemeindrath verweigerte mir auch die Aufnahme dieses Stücks in sein Archiv. Dieser Tage konnte nun wieder den öffentlichen Blättern entnehmen5, daß die noch vorhandenen silbernen Medaillen verkauft werden, was mich förmlich empörte. –

Als eigentlicher Schöpfer der Gotthardunternehmung & zugleich als Träger dieser Idee in den zürcherischen Räthen wissen Sie, wie viel die Stadt Zürich mit den Ausgemeinden zum Gelingen des Werkes beigetragen hat; denn daß der Kanton Zürich mit der Uebernahme des ihm zugemutheten Antheils voranging, war der Stadt & den Ausgemeinden zu verdanken, welche dem Kanton seinen Theil wesentlich erleichterte & von welchen es auch der Kanton | abhängig machte. Das Gleiche wiederholte sich bei der Rekonstruktion. Und jetzt, wo Gelegenheit wäre, diesen Gemeinden auch nur ein kleines Zeichen der Anerkennung zu geben, vergißt man dieselben ganz in der Antwort an Herrn Dr Römer heißt es sogar, man kenne diese Gemeinden nicht, oder höhnt sie mit einem werthlosen Broncestück.

Wenn Sie nun auch äußerlich nicht mehr an dem großen von Ihnen begonnenen Werke thätig sind, so weiß gleichwohl, daß Sie dasselbe noch mit allen Kräften unterstützen & deßhalb wage es auch, Ihre Vermittlung mit Ihrem Einfluß dafür anzurufen, daß Zürich & den Ausgemeinden als Anerkennung für ihre so bedeutenden Beiträge eine Erinnerung an das so wichtige Ereigniß übergeben wird, damit diese Gemeinden nicht annehmen müßen, es gehe das Wort Schillers6 an ihnen in Erfüllung: Der Moor hat seine Schuldigkeit gethan; der Moor kann gehen!7 sondern daß die Sympathie, die diese Gemeinden bis jetzt gegenüber dem Unternehmen gezeigt haben, demselben erhalten bleibe.

Indem Sie um Entschuldigung für diese Belästigung bitte zeichnet mit Versicherung vollkommener Hochachtung

Kd Schellenberg, Präsid.

Hottingen d. 1. Mai 1880.

Kommentareinträge

1Escher hielt sich über längere Zeit mit seiner Tochter Lydia in Paris auf; Ende April 1880 wurde seine Rückkehr vermeldet. Vgl. Zürcherische Freitagszeitung, 30. April 1880; Vollendung, Der Durchstich des Gotthardtunnels.

2Heute wird diese Medaille im Münzkabinett des Schweizerischen Landesmuseums aufbewahrt. Sie gelangte zwar zuerst tatsächlich in die kantonale historische Münzsammlung des Staatsarchivs Zürich, wurde jedoch nach der Gründung des Landesmuseums mit der gesamten Münzsammlung in dessen Bestände überführt. Vgl. Münzkabinett (SLM AZ 3555); Direktion Gotthardbahn an Alfred Escher, 8. März 1880; Vollendung, Absatz 4.

3 Melchior Römer (1831–1895), Stadtpräsident von Zürich, Kantonsrat und Nationalrat (ZH), Verwaltungsrat der Schweizerischen Nordostbahn.

4Die Gemeindekommission Stadt Zürich und Ausgemeinden (Gemeinden im Vorstadtgürtel von Zürich) koordinierte die gemeinsamen Angelegenheiten, insbesondere Verkehrsfragen, und bereitete den Zusammenschluss vor. Vgl.Protokolle und Akten der Gemeindekommission Stadt Zürich und Ausgemeinden (StArZ VII.2).

5Zeitungen nicht ermittelt.

6 Friedrich Schiller (1759–1805), deutscher Dichter.

7 Schiller Friedrich, Die Verschwörung des Fiesco, III, 4. Vgl. Projekt Gutenberg online.