Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Rudolf Kunz-Rebsamen

AES B3268 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#323*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 405

Rudolf Kunz-Rebsamen an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 19. März 1880

Schlagwörter: Gotthard-Durchstich, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Selten noch hat ein öffentliches Ereigniß eine so tiefe Gemüthsbewegung in mir veranlaßt, als die glückliche Durchbohrung des St. Gotthart. Der erste Gedanke, welcher Angesichts dieser großen Thatsache wie ein hervortretend leuchtender Stern mich beherrschte, war gewiß derjenige Mann, dessen Geist & treue Vaterlandsliebe verbunden mit eiserner Beharrlichkeit & unermüdlichem, zielbewußtem Schaffen es vor allen Andern verstanden & möglich gemacht hatte, daß die Welt jetzt überhaupt dieses Ereigniß feiern konnte. Als einem bescheidenen Hülfsarbeiter in der Werkstätte, wo dieser große Gedanke, der lange Jahre vorher am Horizonte von Luzern & Basel kein Licht & keinen Schatten zu werfen vermochte, endlich Leben & allmälig seine nachherige, zur Ausführung des Werkes selbst führende Gestalt erhielt1, sei es mir gestattet, dem Lorbeer, welchen die Welt & voraus Ihr Vaterland Ihnen hiefür schuldet, ein bescheidenes Blümchen beizufügen, welchem Sie eine Stelle in Ihrer freundlichen Erinnerung gütigst einräumen wollen. Denn Wenigen war es wie mir vergönnt, so lange Jahre & gerade während der Zeit des heißesten Kampfes | bei Bewältigung zahlloser, kleiner & großer Hindernisse aller Art, welche sich dem Werden des gigantischen Werkes entgegenstellten, in Ihrer unmittelbaren Nähe zu weilen & dabei Zeuge alles dessen & hinwieder der erfolgreichen Thätigkeit des obersten Werkmeisters zu sein, welcher, unter Zurücksetzung seiner eigenen Persönlichkeit & aller äußern Lebensgenüsse es sich zum höchsten Ziele seines Lebens gesetzt hatte, dem St. Gotthard, als derjenigen schweiz. Alpeneisenbahn, welche die größte Summe schweizerischer Interessen in sich vereinige, zum Siege zu verhelfen. Wahrlich keine Kleinigkeit! Aber der endlich erfochtene Sieg war der Erfolg Ihrer heißen Vaterlandsliebe & jener Arbeit, welche unermüdlich emsig & verständnißvoll wirkt & sich durch keine Hindernisse, keine Schwierigkeiten, noch so große, in Verfolgung des Zieles beirren läßt.

Erlauben Sie daher auch mir, hochverehrtester Herr Präsident, Ihnen als eigentlichen Schöpfer des grossen Werkes hiermit meine herzlichen, innigen Glückswünsche für dessen Gelingen ebenfalls darzubringen & dabei die freudige Hoffnung auszusprechen, | daß dasselbe der Menschheit & speziell unserem Vaterlande zum bleibenden Segen gereiche. Wenn dabei Sie ein hohes Gefühl innerer Befriedigung & Genugthuung mit vollster Berechtigung erfüllen darf, so wird auch die Mit- & Nachwelt nicht vergessen, welchen Antheil Sie an dem Zustandekommen & dem Gelingen der Gotthardunternehmung haben & was sie Ihnen dafür schuldet. Gewiß Tausende & aber Tausende von Stimmen des In- & Auslandes gehen damit einig & immer mehr wird eine Mißkennung zurücktreten & endlich verschwinden müssen, welche diejenigen schmerzlich empfunden haben, welche den Grundsatz hochhalten, daß dem wahren Verdienste seine Kronen gehören.

Wolle Gott, daß Sie unserem lieben Vaterlande noch lange Jahre erhalten bleiben & daß er Ihnen zur Freude Ihrer hochachtbaren Familie & Ihrer Freunde & Verehrer die durch harte Arbeit erschütterte Gesundheit wieder zurückgebe! Das wünscht Ihnen aus ganzem Herzen & hat immer unentwegt in gleich treuer Gesinnung gewünscht

der Ihnen mit ausgezeichneter Hochachtung

ergebenste

R. Kunz

M HHerrn Präsident Dr A. Escher
Paris

Zürich, den 19. Merz 1880.

Kommentareinträge

1Gemeint ist die Schweizerische Nordostbahn, bei der Kunz-Rebsamen als Direktionssekretär in unmittelbarem und langjährigem Kontakt mit Escher stand.