Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B3251 | KBSG VNL 38 : B : 18

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Belvoir (Enge, Zürich), Freitag, 8. Oktober 1880

Schlagwörter: Krankheiten, Regierungsrat AG, Schweizerische Bundesverfassung, Vereinigte Bundesversammlung

Belvoir 8 Octbr 1880.

Mein lieber Freund!

Die Einladung zu der Versammlung vom 6. dß., welche Du erhalten hast, ist von uns noch an die HH. Zweifel, Hoffmann, Deucher, Haberstich, Künzli, Knüsel, Sahli, Niggeler, Burckhardt, Vigier, Cornaz & Ruchonnet gerichtet worden. Auf dem Wege nach Olten erfuhren wir in Aarau, daß Vigier (man meinte vielorts in Folge unserer Einlaladung, um uns den Vortritt nicht zu lassen!) mittlerweile die Revisionsgegner der radical-demokratischen Partei der beiden Räthe zu einer Versammlung auf Samstag den 9. dß. nach Olten einberufen habe. In Olten fanden wir nur eine kleine Zahl der Eingeladenen. Von den Abwesenden haben sich die meisten entschuldigt, die HH. Sahli, Niggeler & Cornaz unter Beifügung der Erklärung, daß sie die Revisionsfrage «entschieden» verneinen, Haberstich & Künzli, gestützt darauf, daß die Aargauischen Mit| glieder der Bundesversammlung, der dortige Regierungsrath & andere Notabeln an dem gleichen Mitwoch Nachmittag eine Versammlung in Revisionsangelegenheiten halten. Angesichts der Sachlage beschlossen die unserer Fraction angehörenden Anwesenden, durch das Mittel des Herrn Künzli dem Veranstalter der Versammlung v. 9ten, Herrn Vigier, zu eröffnen, es dürfte angezeigt sein, unsere Fraction zu dieser Versammlung ebenfalls einzuladen; falls aber Vigier glauben sollte, dieß ohne vorherige Einwilligung der radical-demokratischen Revisionsgegner nicht thun zu dürffen, so werde unserseits verlangt, daß die letztere in ihrer Samstagsversammlung eine Delegation bezeichnen, welche sich mit dem Comité der liberalen Fraction (Zweifel, Äpli, Haberstich, Stehlin, Pictet) in`s Benehmen zu setzen & hinsichtlich einer gemeinsam zu erlassenden Ansprache an das Volk so wie der übrigen zur Bekämpfung der Revision zu ergreifenden Maaßregeln zu verständigen habe. Auf dem Rückwege | erwartete uns Künzli auf dem Bahnhofe Aarau. Er erklärte sich mit unserer Eröffnung ganz einverstanden & gab seinerseits die Absicht Kund, dieselbe gegenüber Vigier & der Samstagsversammlung in Olten zu befürworten. Zugleich theilte er uns mit, daß die Versammlung in Aarau sich zu energischer Bekämpfung der Revision geeinigt habe.

Da hast Du nun gemäß Deinem Wunsche eine genaue Darstellung des Vorgefallenen. Ich habe nun nur noch Eines Punctes zu gedenken. Ich bin es gewesen, der mit Nachdruck verfochten hat, daß das Comité der liberalen Fraction mit den Functionen einer Delegation zu den Verhandlungen mit den radical-demokratischen Revisionsgegnern betraut werde. Es wurde mir nun eingewendet, es gebe Mitglieder dieses Comité's, die sehr bequem seien & von denen daher zu risquiren sei, daß sie bei einem Zusammentritte von Delegationen der beiden Fractionen ausbleiben. | Dabei wurdest Du in erster Linie als eines dieser Mitglieder genannt. Ich protestirte & sagte, ich kenne aus langer Erfahrung Deinen regen Eifer für die politischen Bestrebungen unserer Fraction & für die Erfüllung daheriger von Dir übernommener Mandate. Mein Antrag drang dann durch. Ich möchte Dich nun angelegentlich bitten, nicht fehlen zu wollen, wenn Du als Comitémitglied zu dem Zusammentritte mit der Delegation der radical-demokratischen Revisionsgegner eingeladen wirst. Ich bitte Dich, diese Mittheilung, deren freundschaftliche Tendenz Du gewiß nicht verkennen wirst, ganz für Dich behalten zu wollen.

Meine Augen sind in einem bedauerlichen Zustande. Ich hatte Mühe, nur diesen kleinen Brief zu Papier zu bringen. Diese Nacht hatte ich wieder einen Asthmaanfall. Auch meine Tochter hat zu klagen & hütet in diesem Augenblicke das Bett. Sie leidet an einer nicht enden wollenden Augenentzündung.

Mit herzlichem Gruße

Dein alter Freund

Dr A Escher