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Korrespondenz: Alfred Escher – Susanna Blumer-Heer

AES B3247 | FA Tschudi

Alfred Escher an Susanna Blumer-Heer, Belvoir (Enge, Zürich), Mittwoch, 12. November 1879

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Krankheiten, Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge

Hochverehrte Frau!

Eben durch Ihre Güte wieder in den Besitz der Briefe unsers theuren Verewigten gelangt, beeile ich mich, Ihnen dieselben neuerdings zu übermitteln mit der angelegentlichen Bitte, sie in Ihre Verwahrung nehmen zu wollen. Wenn ich auch die Briefe meines seligen Freundes nicht in dem Meere meiner sonstigen Correspondenz untergehen ließe, so glaube ich hinwieder, daß Sie öfter als es mir vergönnt sein würde, aus denselben geistigen Genuß & gemüthliche Erfrischung zu schöpfen in der Lage sein werden. Wenn dem aber so ist, so halte ich dafür, daß die Briefe in Ihren Händen beruhen sollten. Deshalb werde ich mich nicht minder treu & liebevoll des theuern Dahingeschiedenen erinnern, vergeht doch – ich darf es sagen – kein Tag, an dem ich nicht seiner in wehmüthiger Anhänglichkeit gedenken würde! Es gereicht mir auch im Gedanken an den Verewigten zu wahrer Genugthuung, jetzt schon den Wunsch erfüllen zu können, den Sie in | Ihrem geehrten Schreiben erst für die Zukunft auszudeuten so rücksichtsvoll waren!

Nachrichten, die uns auf indirectem Wege über den Erfolg Ihrer Cur in Ragatz & über Ihr Befinden überhaupt zugekommen sind, lauteten zu unserer großen Freude günstig. Möge der bevorstehende einsame Winter Sie wenigstens vor körperlichen Leiden bewahren! Seelenschmerz, tiefer Seelenschmerz kann Ihnen ja leider nicht erspart bleiben!

Daß Sie Ihrer verehrten Frau Schwägerinn, Ihrer treuen Hausgenossinn, in Ihrem Briefe nicht gedenken, schließt für mich den erfreulichen Beweis in sich, daß die schweren Besorgnisse, zu denen die treffliche Frau letzten Frühling Veranlassung gab, als beseitigt angesehen werden dürfen. Möge Ihnen ein noch recht langes Zusammenleben mit der verständnißvollen Zeuginn Ihres entschwundenen Glückes vergönnt sein!

Lydie dankt Ihnen von Herzen für die freundliche Theilnahme, welche Sie in Ihrem Briefe für sie an den Tag legen, & Sie emphiehlt sich Ihnen auf's angelegentlichste. Ihr Gesundheitszustand bessert sich von Woche zu Woche. Oft spricht sie mit warmen Danke davon, daß das Glarnerland ihr | die Gesundheit wiedergegeben habe. Lydie sieht mit großer Freude der Reise nach Italien entgegen, welche wir für diesen Winter in Aussicht nehmen. Unser Plan geht dahin, etwa 8 Tage nach Neujahr nach Rom zu reisen, dort einen Aufenthalt von etwa 3 Monaten zu machen & sodann unter Berührung der hauptsächlichsten Städte Italiens auf Anfang Mai wieder in die Heimat zurückzukehren. Ich wünsche für Lydie, daß keine Störung die Ausführung dieses Planes durchkreuze!

Und nun erlauben Sie mir die Feder niederzulegen. Ich schreibe Ihnen bei Licht & meine immer elender werdenden Augen versagen mir, wie meine Schriftzüge ausweisen, beinahe den Dienst.

Darf ich Sie bitten, mich dem freundlichen Andenken Ihrer verehrten Schwägerinn, Frau Tschudi's, zu emphehlen & genehmigen Sie die erneuerte Versicherung unwandelbarer Hochachtung und Freundschaft

Ihres ergebenen

Dr A Escher

Belvoir
12 November
1879