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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3243 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#186* (Entwurf)

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 388 | Jung, Aufbruch, S. 706–709 | Gagliardi, Escher, S. 664–667

Alfred Escher an Emil Welti, Belvoir (Enge, Zürich), Freitag, 27. Juni 1879

Schlagwörter: Bundesrat, Demissionen, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Krankheiten, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Herrn Bdsr. Welti, Bern.

Belvoir 27 Juni 79

Hochverehrter Herr & Freund!

Die Offenheit, mit welcher Sie sich in Ihrer Zuschrift v. 23. abhin gegen mich aussprechen, macht es mir zur Pflicht, in gleicher Weise Ihnen gegenüber zu verfahren.

Vorab bitte ich Sie, davon überzeugt s. zu wollen, daß ich mich der nunmehr als gesichert zu betrachtenden Reconstruction der Gotthardbahnunternehmg. ohne Vor behalt & ohne Rückgedanken v. Herzen freue. Ich könnte keine Achtung vor mir selbst haben, wenn ich dse Freude durch die schmerz lichen Gefühle verdunkeln oder gar über wuchern lassen würde, welche in Folge der persönlichen Kränkungen, mit denen meine Anstrengungen für die Verwirk lichung der G.B. belohnt wurden, in mir hervorgerufen werden mußten.

Dieser Gesinnung geschieht wie mir scheinen will, keinerlei Eintrag, wenn ich hinwieder Vorgänge, welche mein persönliches Verhältniß zur G.B. , betreffen nicht unbeachtet lasse, sondern in den Bereich mr Würdigg. ziehe. Dieß habe ich denn auch mit Beziehg. auf die letzthin erfolgte Neubestellg. ds Verw.rths gethan & ich bin dabei zu der Überzeugg. gelangt, daß die Gesellschaft mir die Genugthuung schuldig gewesen wäre, mich in den Verwaltungs rath zu wählen, & daß sie, indem sie davon Umgang nahm, ja es nicht einmal der Mühe werth hielt, sachbezügliche Rücksprache mit mir zu nehmen, e. Unrecht an mir begangen hat. Ich anerkenne, daß, was die Gesellschft unterlassen hat, v. d. Bdsr. nicht wohl nachgeholt werden konnte. Deswegen halte ich aber nichtetwa dafür, daß Sie, hochverehrter Herr! bei d. Vorgange, über den ich mich beschweren zu müssen glaube, nicht betheiligt seien. Sie übernehmen ja auch in Ihrer geschätzten Zuschrift offen & unumwunden die Verantwort lichkt für denselben & zudem weiß wohl niemand besser als ich, daß Sie nach Lage der Dinge vor Allen dazu berufen waren, das Maaßgebende Wort hinsichtlich der v. d. Ges. & v. dem Bdsrthe zu treffenden Wahlen in den Verw.rath zu sprechen.

Zur Rechtfertigung meiner Übergehung bei diesen Wahlen machen Sie zwei Gründe geltend. Der er ste besteht darin, daß es nach meinem Entlassungsgesuche Sache der Unmöglichkeit ge wesen sei, mich bei der Neubestellg. des Verw.rathes wieder in denselben zu wählen – Fürs zweite sind Sie der Ansicht daß die Satisfaction, die ich zu fordern habe, mir nur durch die öff. Meing., die unpar theiische Gesch. oder wie man das nennen möge zu Theil werden könne, während eine Wahl in den neuen Verwaltungsrath, welche die Ges. od. der Bdsrth auf mich hätte fallen lassen, als eine Comödie angesehen worden wäre.

Ich bedaure, Ihnen erklären zu müssen, daß ich auf dem diametral entgegengesetzten Standpunc te stehe.

Die Motive, welche mich vor einem Jahre bewogen, mein Entlassungsgesuch einzureichen, sind niemandem besser bekannt als Ihnen. Trotz mei ner Gesundheitsverhältnisse & namentlich auch des Zustandes | meiner Augen war ich entschlossen, bis nach gänzlicher Durchführg. der Reconstruction der Gotth.bahnun ternehmg. mein Kreuz fortzutragen . Ein pas senderer Ausdruck als dieser steht mir nicht zu Gebote. Sie sagten mir dann aber, daß eine Frac tion der Bdsversammlg., deren man bedürfe, um eine Mehrht in den Räthen für die Gotthardbahn zu erhalten, als Preis ihrer Stimm gabe zu Gunsten dsr Bahn meinen Rücktritt aus d. Dir. verlange. , Die Motive, welche jene Fraction zu dsr Forderg. veranlaßten, beruhten, wie Sie am besten wissen, auf politi schem Hasse, persönlicher Eifersucht & gekränk tem Ehrgeize. Angesichts einer so gearteten Situation glaubte ich es dem großen Werke, um dessen Sicherg. es sich handelte, geradezu schuldig zu s., den Verw.rath zu bitten, mir noch vor der damals bevorstehenden, für die Entscheidung der Gotthardfra ge bestimmten Session der Bundesversammlg.1 die Ent lassg. aus d. Dir. zu ertheilen . Mittlerweile ist die Situation eine total veränderte ge worden. Die Reconstruction der Gotthardbahn unternehmung ist zu Stande gebracht & zwar, wie Sie so gerecht sind anzuerkennen, bis auf wenige Puncte nach dem Projecte, das ich vor meinem Rücktritte für dieselbe ausgear beitet habe. Sie steht fest & kann nicht mehr der Spielball persönlicher Gehässigkt & Leidenschft werden. Bei so gewordener Sachlage handelte es s. nun um d. Bestellung der Verwaltung für d. reconstruirte Unterneh mung. In diese wurden alle bekanntern Mitglieder der frühern Verwaltg. wieder gewählt mit einziger Aus nahme von mir. Man wird meine Übergehg. vielleicht damit rechtfertigen wollen, daß ich ja aus der Direction zurück getreten sei. Nachdem aber der Verw.rth damals in einer an mich gerichteten Zuschrift besonders hervorheben zu sollen geglaubt hat, «daß ich durch mein Entlassungsgesuch, um der Sache zu dienen, meine Person zum Opfer gebracht habe», wäre es da nicht eine Ehrenpflicht der gegenwärtigen Leiter der Unter nehmg. gewesen, mir , da es jetzt, wie jedermann zugeben wird, der Sache gänzlich unbe schadet hätte geschehen könn en, die persönliche Genugthu ung einer Wahl in den neuen Verwaltungsrath zu Theil werden zu lassen? Hätten sie nicht bedenken sollen, daß, wenn ich allein übergangen werde, dadurch der Schein vor der «öff. Meinung» & der «unpartheiischen Geschichte», auf , auf welche ich immer vertröstet werde, hervorgerufen werden müsse, als fiele ausnahmsweise mir irgend ein Ver schulden zur Last? Hätten sie nicht erwägen sollen, daß es umso unverantwort licher wäre, wenn gerade sie einer solchen Auffassg. Vorschub leisten würden, da sie ja als meine langjährigen Mitarbeiter , wie gar niemand , sonst in der Lage waren, meine Thätigkeit für d. Verwirklichg. der G.B. kennen zu lernen & zu be urtheilen? Ich kann diese Fragen nur bejahen & ich komme daher, zu dem Schlusse, daß meine Wahl in den neuen Verwaltungsrath der G.B., weit entfernt, als «Unmöglichkt» oder als «Comödie» taxirt werden zu müssen, von allen denjenigen, an deren Urtheil einem gelegen s. kann, als ein selbstver | ständlicher Act der Gerechtigkeit betrachtet wordenwäre.

Zum Schlusse habe ich wohl nicht nöthig, Ih nen noch zu sagen, daß ich eine auf mich gefalle ne Wahl als eine mir zu Theil gewordene per sönliche Genugthuung angesehen haben würde, daß ich sie aber nicht angenommen hätte.

Es ist mir sehr pein lich gewesen, diese lediglich meine Person be treffende Angelegenheit zum Gegenstande einer Erörterg. & vollends einer so einge henden zu machen. Ich würde es natürlich nicht ge than haben, wenn Sie mir nicht Veranlassung dazu gegeben hätten. Es dürfte mir übrigens um so weni ger zum Vorwurfe gereichen, weil es s. ja nicht um e. Frage kleinlicher persönlicher Eitelkeit, sondern darum handelt, ob ich nicht Gefahr laufe, nach Allem, was ich mir zugemuthet & was ich geo pfert habe, schließlich von der Welt als ein Mann angesehen zu werden, der sich die Verwirklichg. eines großen, seinem Vaterlande nützlichen Werkes zur Le bensaufgabe gemacht hat, dann aber als unfähig erfunden wurde , diese Lebensaufgabe zu lösen.

Wenn wir, wie Sie sagen & ich mei nerseits gerne bestätige, während zwölf langen Jahren einträchtig zusammenwirkten, um die G.B. zu Stande zu bringen, & wenn jetzt zum ersten Male in einer übrigens nicht das große Werk selbst, sond. bloß meine Person betreffenden Frage unsere Anschauungen auseinandergehen, so ist hinwieder selbst in dieser Differenz neuerdings eine Überein stimmung unserer Handlungsweise insofern zu constatiren, als wir uns beidseitig un sere von einander abweichenden Standpunc te ohne Rückhalt & ohne Schminke dargelegt haben, wie es dem ächten Manne ziemt. .

Ihr ergebenste

Kommentareinträge

1Sondersession der eidg. Räte vom 29. Juli bis 23. August 1878. Vgl. BBl 1878 III, S. 623; BBl 1878 III, S. 651.