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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3242 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 387 | Jung, Aufbruch, S. 703–704 | Gagliardi, Escher, S. 663–664 (auszugsweise)

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Montag, 23. Juni 1879

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Wahlen

Briefe

Hochverehrter Herr und Freund

Es ist mir im hohem Masse leid, dass ich abwesend war als Sie mich besuchen wollten und dass auch ich zu wiederholten Malen Sie nicht treffen konnte; ich hatte noch nie so sehr das Bedürfniss Sie zu sprechen wie jetzt und kann mich daher nicht enthalten Ihnen wenigstens zu schreiben. Ich weiss von Herrn Feer, dass Sie sich gekränkt fühlen und muss aus seinen Mittheilungen schliessen, der Grund liege wesentlich darin, dass Sie bei den Wahlen in den Verwaltungsrath der Gotthardbahn nicht berücksichtigt wurden.1 Wenn das so ist, so muss ich erklären, dass auch ich zu denen gehöre über welche Sie sich zu beklagen haben, selbstverständlich | nicht in der Weise, dass ich irgend wie gegen Ihre Wahl gewesen wäre, sondern weil ich nie daran gedacht habe, dass Sie eine solche Wahl wünschen könnten. Die Frage ist nun freilich die, ob ich mit diesem Geständiss nicht mich selbst schuldig erkläre. Vor meinem Gewissen nicht. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, dass Sie aus irgend einem Grunde eine Wahl erwarten, so hätte ich allerdings nicht dazu geschwiegen, aber ich würde Ihnen mit aller Entschiedenheit von einer solchen Idee abgerathen haben. Sie konnten diese Wahl nur als Ausdruck der Anerkennung und der Satisfaction wünschen. Aber weder der Bundesrath noch die Gesellschaft konnte Ihnen das Eine oder das Andere geben. Die Satisfaction, die Sie zu fordern haben und die allein einen Werth für Sie hat, kann Ihnen Niemand ertheilen als die öffentliche | Meinung oder die unpartheiische Geschichte oder wie Sie das immer nennen mögen. Diese Gerechtigkeit wird auch nicht ausbleiben, dafür sind heute schon Zeichen genug vorhanden; aber wenn es auch länger dauert als wir wünschen, so sind Sie der Mann dazu es abzuwarten. Das ist ja bei aller Unbill der Zeit der einzige Trost für uns alle, dass das gerechte Urtheil kommen wird, wenn wir auch weit und breit keinen Richter sehen, der es spricht. Diesem Urtheil gegenüber wäre eine Wahl durch den Bundesrath oder die Gesellschaft als eine Comödie bezeichnet worden, die Ihnen sicher nichts genützt wohl aber wie allen daran Betheiligten empfindlich geschadet hätte. Nach Ihrem Entlassungsschreiben2, das bei Freund und Feind einen vortrefflichen Eindruck gemacht hat, war eine Neuwahl gleich| viel, ob Sie dieselbe angenommen hätten oder nicht, unmöglich geworden. Sie haben eine andere viel grössere Genugthuung dadurch erhalten, dass die Reconstruction bis auf wenige Puncte genau nach Ihrem Plan durchgeführt worden ist. Das weiss Jedermann und es wird auch nicht lange dauern bis es jedermann sagt. Die Freude an dem Gelingen wird mir persönlich allerdings stark verbittert, so lange ich weiss, dass Sie nicht daran theil nehmen können. Wie ich stets ein unzerstörliches Vertrauen in mir trug, es werde das grosse Werk nicht untergehen, so kann ich mir auch nicht vorstellen, dass zwei Männer die zwölf lange Jahre3 einträchtig daran gearbeitet haben in dem Moment, wo | die Hoffnung auf eine glückliche Vollendung gesichert erscheint einander entfremdet werden sollen. Ich spreche dieses Wort gleich aus, weil ich nicht verbergen will, wie schwer ich die Sache nehme. Ich habe Ihnen vor Jahresfrist gerathen aus der Direction zu treten, indem ich eine Freundespflicht zu erfüllen glaubte. Sie kam mir schwer an und ich war lange unschlüssig, ob mein Rath der richtige sei. In Bezug auf die heutige Frage war ich es keinen Augenblick. Freilich muss ich es nun darauf ankommen lassen, wie Sie diesen Brief aufnehmen; hätte ich mit Ihnen sprechen können, so würde ich vielleicht mehr aber nichts anderes gesagt haben. Haben Sie die Güte und befreien Sie mich von | der Unsicherheit in welche mich die Mittheilungen unserer Freunde gebracht haben und die mir Ihnen gegenüber unerträglich ist. Es würde mich von ganzem Herzen freuen, zu erfahren, dass ich zu schwarz sehe; unter allen Umständen bleibt mir das Bewusstsein, dass ich den Gesinnungen u dem Verhalten, das unsere gegenseitige Achtung begründet hat, nicht einen Augenblick untreu geworden bin.

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern den 23. Juni 1879.

Kommentareinträge

1Die Wahlen in den Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft erfolgten durch die Generalversammlung am 3. Mai 1879 (sowie ergänzend am 28. Juni 1879) und durch den Bundesrat am 12. Juni 1879 (ergänzend am 22., 24. Juli und am 10. September 1879). Vgl. Geschäftsbericht GB 1879, S. 13.

2 Vgl. NZZ, 5. Juli 1878; Alfred Escher an Verwaltungsrat Gotthardbahn, 2. Juli 1878.

3Gemeint ist die Zeitspanne seit der Wahl Weltis in den Bundesrat am 8. Dezember 1866.

Kontexte