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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3228 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 386

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 2. März 1879

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB)

Briefe

Sehr verehrter Herr u Freund

Da Sie möglicherweise bei der Abwesenheit von Herrn Zingg über den Gang der Verhandlungen in Berlin1 ohne Nachricht sind, so melde ich Ihnen, dass nach einem gestern Abend eingegangenen Telegramm2 die Sachen nicht sehr gut stehen. Das Consortium verlangt für die Übernahme der ca| ducirten3 Actien eine von der Zahl der zu übernehmenden Actien unabhängige feste Provision von 250 Tausend Franken und will die Obligationen nur zu 60 übernehmen mit Theilung des Mehrerlöses zu ¾ und ¼ von 63 an. Das bringt uns in grosse Verlegenheit, aus der ich bis jetzt keinen Ausweg sehe.

Aus Italien sind die Nachrichten| die wir erhalten4 besser als die des Herrn Maraini. Hr Depretis5 hat sich Pioda gegenüber sehr befriedigend ausgesprochen. Nichtsdestoweniger habe ich sofort nach Empfang des Schreibens6 von Herrn Kaltbrunner7 in Rom u Berlin die nötigen Schritte gethan.

Sobald eine definitive Antwort von Berlin eintrifft melde ich telegraphisch.8

Mit den herzlichsten Wünschen für| Ihre und der Fräulein Lydia9 Gesundheit verbleibe ich

Ihr Ergebenster

E Welti

Bern 2. März 1879.

Kommentareinträge

1Zu dieser Zeit fanden in Berlin Verhandlungen mit Mitgliedern des Finanzkonsortiums über die Übernahme der letzten Rate des Aktienkapitals und die im Rahmen der Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft auszugebenden Obligationen statt. Vgl. Geschäftsbericht GB 1879, S. 8–9; Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 21.

2Telegramm nicht ermittelt.

3 Art. 9 der Statuten der Gotthardbahn-Gesellschaft sah vor, dass bei Nichteinzahlung auf die Aktien Verzugszinsen erhoben werden konnten und zudem die Nummern der fraglichen Aktien unter Aufforderung zur Zahlung innert einer Frist von vier Wochen bei Androhung der Annullierung veröffentlicht wurden. «Bleibt auch diese Maßregel erfolglos, so werden die betreffenden Aktien durch Publikation für dahingefallen erklärt und die früher auf dieselben geleisteten Einzahlungen dem Gesellschaftsvermögen einverleibt.» Statuten GB, Art. 9.

4 Vgl. Prot. BR, 21. Februar 1879; Prot. BR, 25. Februar 1879.

5 Agostino Depretis (1813–1887), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Italien.

6Gemeint ist vermutlich ein Brief von David Kaltbrunner an Escher vom 25. Februar 1879. Gegenstand desselben war ein Brief Marainis an Escher vom 20. Februar 1879 mit einer pessimistischen Einschätzung der Aussichten auf Genehmigung der Zusatzkonvention betreffend die Gotthard-Nachsubvention durch Italien. Kaltbrunner legte den Entwurf einer Antwort an Maraini bei. Vgl. David Kaltbrunner an Alfred Escher, 25. Februar 1879.

7 David Kaltbrunner (1829–1894?), französischsprachiger Sekretär des Präsidiums und Übersetzer der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft.

8Zwei Tage später meldet Welti: «Vertrag gestern auf brieflich gemeldete Grundlage unterzeichnet.» Telegramm Emil Welti an Escher, 4. März 1879 (BAR J I.67-8).

9 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.