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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3222 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 385 | Jung, Aufbruch, S. 299 (auszugsweise)

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 30. Januar 1879

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Verträge, Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Krankheiten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Presse (allgemein), Rechtliches, Regierungsrat BE

Briefe

Luzern den 30 Jänner 1879.

Hochverehrter Herr Präsident!

Anliegend übermache ich Ihnen eine Nummer der Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen1 , die Sie vielleicht noch nicht gesehen haben. Wir haben darauf der Redaktion eine Erwiderung gesandt. Fast gleichzeitig er schienen das gleiche Ziel verfolgende Correspondenzen in schweiz. Blättern, so der Allg. Schweizerzeitung in Basel , dem Bernerboten etc, in letzterm Blatte mit so ehrkränkenden Zulagen2 , daß ich mich veranlaßt fand, Hrn. Bützberger3 mit der Einleitung gerichtlicher Schritte zu beauftragen. Daß wir es hier mit Hellwag'schen Intriguen zu thun haben, steht außer Zweifel.

Wahrscheinlich im Zusammenhang hiemit steht auch ein Vor haben der Regierung v. Bern , von dem mir Hr. Welti Kenntniß gibt. Die Reg. v. Bern soll sich nämlich mit andern Gotthard-Kantonsregierungen in Verbindung setzen, um dieselben zu einem gemeinsamen Begehren an den Bundesrath zu veranlaßen, es möchte derselbe sofort die | Reorganisation der Gesellschaftsbehörden4 vornehmen, denen sie vorwerfen, daß diese in Bezug auf die Anbringung der Obligationen II. Hypothek das Publikum & die Behörden täuschen. In den Verträgen mit Bauunternehmern mache man diesen die Ueber nahme solcher Obligationen zur Verpflichtung & ins Besondere (soll wohl gemeint sein «Geheimen») Abkommen verpflichte man sich zur Baarvergütung.5 – Daß an letzterm kein wahres Wort ist, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Ich gebe Ihnen hievon Kenntniß, da Sie vielleicht Gelegenheit haben dahin zu wirken, daß die Regierung v. Zürich auf das Ansinnen v. Bern nicht eintritt. –

Ich hätte Ihnen noch gar Vieles mitzutheilen, aber es gebricht mir materiell an Zeit zu einer eingehenden Berichterstattung über den Stand & Gang der Dinge. Ich will hier nur Eines beifügen, nämlich daß die Hrn. Dubos Capy & Cie , mit denen wir auf Grundlage ihrer Offerte für die Nordrampe in Unterhandlung zu treten uns bereit erklärt hatten6 , wenn sie sich innert 8 Tagen über die erforderlichen | Mittel ausweisen, erklärt haben, daß sie sich zurükziehen, indem die Finanzleute (es scheint ein Genferhaus gewesen zu sein), mit denen sie in Verbindung gestanden, jede Mit wirkung verweigern, bis die Rekonstruktion des Unternehmens formell zum Abschluße gelangt sei. Daß Favre & seine Commanditäre nun einen eigentlichen Feldzug gegen die Aktieneinzahlung7 & unser ganzes Finanzprogramm eröffnet haben, wird Ihnen bekannter sein, als mir. –

Ich kann nicht sagen, mit welch' tiefem Bedauern ich die Nachricht erhalten hatte, daß Ihre Fräulein Tochter8 so schwer erkrankt sei & daß auch Ihr Augenleiden sich wieder verschlimmert hatte. Empfangen Sie meine herzlichsten Wünsche, daß die eingetretene Beßerung eine Nachhaltige sei & Sie & Ihre Fräulein Lydie sich bald wieder des besten Wohlsein's erfreuen mögen! – Mir geht es leidlich; wie lange indeßen meine Gesundheit diese Cariére noch aushält, weiß ich nicht. Ich werde meine Pflicht erfüllen, so lange ich kann. –

Genehmigen Sie die Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung

von Ihrem stets in Freundschaft ergebenen

J. Zingg.

Kommentareinträge

1Das Organ des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen zitierte in seiner Ausgabe vom 24. Januar 1879 Auszüge aus dem «Briefe eines Schweizers» . Dieser bezieht in der Diskussion um das Verhältnis zwischen den Verwaltungsbehörden der Gotthardbahn-Gesellschaft und Konrad Wilhelm Hellwag deutlich Stellung zugunsten des Oberingenieurs. Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen, 24. Januar 1879. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 42.

2Wörtlich hält der «Berner-Bote» fest: «Hatte unser Jasagen am letzten Sonntag wirklich den Sinn, daß schon am ersten Tag nach der Abstimmung der Letztübergebliebene der weltberühmt gewordenen Gottharddirektion die großartigsten Unternehmungen von sich aus vergeben dürfe, bevor das Comite, dessen Weisheit uns in solche Verzweiflung und Schmach gebracht hat, neu gebildet werden konnte und bevor man von einer bereits erfolgten Reorganisation oder Verschärfung der Bundesaufsicht nur ein Wort hätte erfahren können? Wo hat denn jetzt die dupirte Welt die geringste Garantie, daß der alten Lotterwirthschaft endlich einmal der Nagel gesteckt worden wäre, und daß nicht am Ende auch die votirten Millionen der Nation d'rauf gehenwerden.» Der Berner-Bote, 25. Januar 1879.

3 Johann Bützberger (1820–1886), Nationalrat (BE), Anwalt.

4Die Bundesversammlung stimmte am 22. August 1878 einem Postulat zu, wonach der Bundesrat die Gotthardbahn-Gesellschaft zu veranlassen habe, «die den jezigen Verhältnissen entsprechenden Veränderungen in ihrer Organisation und die gehörige Bestellung der Gesellschaftsbehörden vorzunehmen» . Bundesgesez betreffend Gewährung von Subsidien für Alpenbahnen (vom 22. August 1878), in: BBl 1878 III, S. 600; Prot. BR, 15. November 1878; Prot. BR, 13. Dezember 1878. – Am 14. Dezember 1878 unterzeichneten 15 Nationalräte – darunter sieben Berner – eine Interpellation, in welcher der Bundesrat angefragt wurde, was er zur Vollziehung des Postulats betreffend die Reorganisation der Gesellschaft bis jetzt unternommen habe. Vgl. Prot. BR, 17. Dezember 1878; Prot. BR, 19. Dezember 1878.

5Die Abnahme der Obligationenanleihe zweiten Ranges über 6 Mio. Franken wurde von der Gotthardbahn-Gesellschaft durch Verträge mit den Unternehmern des Unterbaus sowie den Lieferanten von Schienen, Schwellen und eisernen Brücken gesichert, «indem dieselben sich zu verpflichten hatten, annähernd 10% ihrer Verdienstsummen in Obligationen II. Ranges zum Kurse von 75% anzunehmen» . Geschäftsbericht GB 1879, S. 9. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 21.

6Offerte Dubos, Capy und Compagnie. Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878.

7Zur Einzahlung der vierten Rate des Aktienkapitals Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Das Aktien- und Obligationenkapital der Gotthardbahn. – Ein Artikel in der NZZ vom 4. Februar 1879 geht auf den «Feldzug» gegen die Gotthardbahn-Gesellschaft ein und äussert den Verdacht, dass «Börsen- und Banquiers-Interessen an diesen Bemühungen, die Gotthardbahn-Gesellschaft auf die Seite zu schieben oder zu Fall bringen, mitbetheiligt sind. Ob es darauf abgesehen ist, den Kurs der Aktien zu drücken, damit man sie jetzt zu niedrigem Preise zusammenkaufen und sodann an der Kurserhöhung profitieren könne, die voraussichtlich eintreten wird, wenn die Einzahlung erfolgen und der Finanzausweis erbracht wird, – oder ob die Kommanditäre des Herrn Favre dadurch, daß der andere Kontrahent, die Gesellschaft, die Konzession zurückgeben oder derselben verlustig erklärt werden muß, aus dem Vertrag herauskommen wollen, um mit einem neuen Konzessionär einen für sie günstigeren Vertrag abzuschließen – wagen wir nicht zu entscheiden.» NZZ, 4. Februar 1879.

8 Lydia Escher (1858–1891), Tochter von Augusta und Alfred Escher.