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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3218 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 383

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 12. November 1878

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Personelle Angelegenheiten, Rechtliches

Briefe

Hochverehrter Herr und Freund

Gestern habe ich mit Herrn Heer die Angelegenheit Hellwag einlässlich besprochen. Danach ersuchte H. Herrn Heer vor einiger Zeit er möchte eine Besprechung mit der GDirection veranlassen.1 Herr Heer habe zugesagt unter der Bedingung dass auch die Gotthard| direction einverstanden sei. Diese habe das Einverständniss erklärt «insofern die Besprechung die Lösung des Verhältnisses mit Hellwag und nicht die Consolidirung zum Gegenstand habe.» Auf diesem Fusse sei dann am letzten Dienstag die Conferenz zu Stande gekommen2, an der Hellwag mit Brunner3 und Zingg | mit Zemp theil genommen hätten. Hellwag habe sich zum Rücktritt wenn auch nicht verpflichtet, doch bereit erklärt gegen eine Abfindung von Fr. 250 000. Herr Heer hätte hierauf diese Bedingung als eine unmögliche erklärt und die beiden Theile an das contractgemässe Schiedsgericht4 gewiesen, womit die Sache abgethan | gewesen sei.

Ich habe Herrn Heer dringend gebeten, sich nicht in die Sache weiter einzulassen. Er erklärt mir, dass er durchaus nicht die Absicht habe «seine Finger weiter in die Angelegenheit zu stecken» u ich darf annehmen, dass von seiner Seite wirklich nichts weiteres geschehen werde;5 zudem | glaube ich sicher zu sein, dass der Bundesrath seinerseits sich auf nichts einlassen wird.

Ich weiss nicht, ob dieser Brief um 920 noch abgeht, wenn es nicht geschieht, so bitte ich um Entschuldigung; ich bin seit 8 Uhr an einem fort gestört.

Mit freundschaftlichem Grusse

Ihr

E Welti

Bern 12. Nov. 1878.

Kommentareinträge

1Von einer Besprechung unter Beteiligung von Bundesrat Heer war bereits im Sommer 1878 die Rede. Vgl. Brief Joachim Heer an Carl Feer-Herzog, 23. Juli 1878 (BAR J I.67-6.71); Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 42.

2Gemäss Bundesratsprotokoll fand die Besprechung am Mittwoch, 6. November 1878, statt. Vgl. Prot. BR, 26. November 1878.

3 Rudolf Brunner (1827–1894), Grossrat und Nationalrat (BE), Anwalt Hellwags.

4Die Parteien einigten sich am 7. März 1879 auf ein Schiedsgericht, das sich zusammensetzte aus Bundesrichter Rudolf Niggeler (1845–1887), Rechtsprofessor Andreas Heusler (1834–1921) und Ingenieur Amédée von Muralt (1829–1909). Vgl. Schiedsgerichtliches Urtheil Hellwag GB, S. 4–5.

5In seinem Brief vom 22. November schreibt Zingg allerdings von einer nicht weiter ausgeführten «Idee des Hrn. Bundesrath Heer» , die im Zusammenhang mit Hellwag steht und die Zingg für nicht durchführbar, ja gefährlich hält. Wie das Sitzungsprotokoll des Bundesrates vom 26. November jedoch vermerkt, «erachtet das [Eisenbahn- und Handels-]Departement eine weitere amtliche Intervention nicht für angezeigt» . Josef Zingg an Alfred Escher, 22. November 1878; Prot. BR, 26. November 1878.