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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3211 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 378

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Donnerstag, 17. Oktober 1878

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Personelle Angelegenheiten, Rechtliches

Briefe

Luzern, den 17. October 1878.

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich schulde Ihnen meinen verbindlichen Dank für Ihren schätzbaren Beitrag1 zur Beantwortung der Hellwag'schen Denkschrift2. Die Direktion hat beschloßen, die vortreffliche Arbeit in ihrem ganzen Umfange in die an den Verwaltungsrath zu richtende Zuschrift3 aufzunehmen. Ich möchte Sie nur noch über einen formellen Punkt berathen & mir hinsichtlich zweier materieller Punkte noch Ihren gefälligen Aufschluß erbitten. –

Es will mir nämlich scheinen, es dürfte sich vielleicht empfehlen, die Materien in einer etwas andern Reihenfolge zu behandeln, als Sie vorschlagen, & zwar, dem Gedankengang der Hellwag'schen Schrift folgend, mit der Finanzfrage zu beginnen, dann den Nachweis der «üblen Berathung» folgen zu laßen & endlich als dritten | & Hauptpunkt den Vorwurf des «Treubruches» zu behandeln.4 Erstere zwei Punkte, welche nicht viel Raum einnehmen, erscheinen mir etwas untergeordneter Natur zu sein. Lässt man sie dem Hauptpunkte folgen, wie Sie es in Ihrem Entwurfe vorschlagen, so schwächen sie nach meiner Auffassung die Hauptsache eher ab, wogegen sich im umgekehrten Falle der Eindruk steigert. Ich gebe zu, daß dieß eine Sache des Eindruks ist; es wäre mir aber doch lieb, darüber noch Ihre Ansicht zu vernehmen. Ich werde nicht ermangeln, Ihnen sobald als möglich einen Abzug des Entwurfes zu schiken, indem Sie vielleicht vor einer bezüglichen Aeußerung das Ganze zu sehen wünschen. –

Ich wäre Ihnen sodann dafür dankbar, wenn Sie mir Ihre allfälligen Bemerkungen zu den von mir bearbeiteten Theilen der Antwort mitzu| theilen die Güte haben würden.5

Sie sagen in Ihrem Entwurfe, daß wir vollständige Beweise in Händen haben, daß das Benehmen Hellwag's sein technisches Personal empört habe, & es wird ein Beweisstük dann mitgetheilt. Darf ich Sie um die gefällige Mittheilung bitten, worin die weitern Beweise bestehen.6

Ich vernehme, daß sich H. jüngsthin vielfach um die Mitglieder der Commission für das eidg. Obligationenrecht7 & bei den hier anwesenden Bundesrichtern8 umgethan habe. Letzter Tage sei er wieder in Bern gewesen. – Ott & Cie9 machen wieder viel Aufhebens darüber, daß wir ihr Begehren um eventuelle Rükerstattung ihrer bisherigen Auslagen (als Preis für die Prolongation des Forfaitanerbietens) der Consequenzen halber abgelehnt haben. Man scheine der Ansicht zu sein, der Mohr habe seine Pflicht gethan & könne nun gehen. Eine solche Behandlung derjenigen Offrenten, die | wohl beim schweiz. Publikum den meisten Credit besitzen, werde böses Blut machen & vielleicht auf die Volksabstimmung10 übel einwirken! – Den Termin für eine Eingabe auf Einheitspreise hat die schwz. Baugesellschaft11 wieder wie früher nicht eingehalten. –

Genehmigen Sie bei diesem Anlaße die erneute Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1Das Original von Eschers Text konnte nicht ermittelt werden. – In Eschers nachgelassenen Papieren finden sich jedoch Notizen dazu, die belegen, dass die Schrift der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft zu wesentlichen Teilen von Escher verfasst worden war. Vgl. Escher, Notizen.

2Gemeint ist Hellwags Antwort auf den Bericht der Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft. Vgl. Hellwag, Gotthardbahn; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. September 1878.

3Die «Beleuchtung der Antwort des Herrn Oberingenieur Hellwag » ist rückdatiert auf den 15. Oktober 1878. Vgl. Direktion GB, Hellwag, S. 3.

4Die Teile des Textes wurden in der vorgeschlagenen Reihenfolge publiziert unter A I., II., III. Vgl. Direktion GB, Hellwag, S. 4–25.

5Brief nicht ermittelt.

6Zusätzliche Beweise werden in der Publikation nicht angeführt. Bei dem einen Beweis handelt es sich um einen Brief von Eduard Gerlich, Adjunkt des Oberingenieurs, an Hellwag vom 26. Juli 1878. In diesem Brief verlangt Gerlich, nicht weiter in Hellwags Auseinandersetzung mit der Verwaltung hineingezogen zu werden. Vgl. Direktion GB, Hellwag, S. 20–21. – Der Brief wurde mitsamt der folgenden Korrespondenz von Hellwag abgedruckt in Hellwag, Widerlegung, Anhang 4, 6, S. 87–91.

7Die «Kommission zur Berathung des Gesetzesentwurfes über ein einheitliches Obligationenrecht inbegriffen persönliche Handlungsfähigkeit, Handels- und Wechselrecht» wurde vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement einberufen und von dessen Vorsteher, Fridolin Anderwert, präsidiert. Unter den 16 Mitgliedern befanden sich nicht nur amtierende, sondern auch ehemalige National- und Ständeräte sowie weitere Fachleute wie Rechtsprofessoren und zwei Bundesrichter, Rudolf Niggeler und Hans Conrad Weber. Niggeler wurde im März 1879 Obmann des Schiedsgerichtes in der Streitsache zwischen Hellwag und der Gotthardbahn-Gesellschaft. Vgl. NZZ, 17. Mai 1876; Schiedsgerichtliches Urtheil Hellwag GB, S. 3–5, 26; Emil Welti an Alfred Escher, 12. November 1878, Fussnote 4.

8Unter den 1878 amtierenden neun vollamtlichen Bundesrichtern war auch Eschers früherer Freund Jakob Dubs, der gegenüber der Gotthardbahn sehr kritisch eingestellt war. Vgl. Brief Jakob Dubs an Philipp Anton von Segesser, 1. Juni 1876 (StALU PA 828/17199); Brief Jakob Dubs an Philipp Anton von Segesser, 18. Juni 1877 (StALU PA 828/17199); Ehemalige Bundesrichter online, Anderwert Fridolin .

9Gemeint ist die Gottlieb Ott und Compagnie, Brückenbau-Werkstätte in Bern, ein Unternehmen des Ingenieurs Gottlieb Ott (1832–1882). Vgl. Geschäftsbericht GB 1879, S. 25; HBLS V, S. 364.

10Gemeint ist die eidg. Volksabstimmung vom 19. Januar 1879 über das Referendum gegen das Bundesgesetz betreffend Gewährung von Subsidien für Alpenbahnen. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 13.

11Die Schweizerische Baugesellschaft war ein Konsortium von drei Baugruppen. Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878.