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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3210 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 377

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 29. September 1878

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Polemiken und Anwürfe (Escher)

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Soeben erhalte ich durch Hrn. Feer-Herzog die Verantwortung1 des Hrn. Hellwag, welche derselbe, ungeachtet der in der letzten Sitzung des Verwaltungsrathes abgegebenen Erklärung2, die Angelegenheit bis zum Austrage der Sache nicht in die Oeffentlichkeit zu bringen, hat druken lassen, um – wie er sagt – die Circulation unter den Mitgliedern des Verwaltungsrathes überflüssig zu machen. I ch beeile mich, Ihnen sofort ein Exemplar dieser Verantwortung zu übermachen3, die sich namentlich in einen leidenschaftlichen & schmerzlichen Angriff auf Ihre Person gipfelt.4 Ich füge der Brochure bei:5

1. die von Hrn. Schweizer bearbeiteten Auszüge | aus den Protokollen der Direktion, wobei Ziff. III. wesentlich nach meinen Notizen ausgeführt worden ist;
2. den in diesen Auszügen erwähnten Antrag des Hrn. Hellwag zu Anstellungen für den Hochbau vom October 1875;
3. einen Bericht des Hrn. Zähringer6 über die Kosten der Vorstudien für die neuen Linien;
4. eine Copie des Antrages des Hrn. Hellwag v. 31. Jan. 77.7 betreffend die Außerakkordsetzung des Hrn. Favre &
5. den Bericht des Oberingen. v. 7./10. Mai 1878, womit er das neueste Projekt8 begründet. –

Hr. Feer-Herzog ersucht die Direktion, ihm innert 14 Tagen ihre Rükäußerung auf die Brochure des Hrn. H. einzureichen9, mit dem Bemerken, daß dieselbe gleichzeitig die nähern Belege zu der Eingabe der Direktion vom 16. August 10 zu enthalten habe. – |

Es liegt auf der Hand, daß die Akten & Protokolle gar Manches, das zur richtigen Beurtheilung der Vorgänge wesentlich ist, nicht enthalten & daß nur Sie darüber den erforderlichen erschöpfenden Aufschluß ertheilen können. Ich glaube keine Fehlbitte zu thun, wenn ich Sie darum ersuche, den Modus Ihnen anheimstellend.

Vielleicht wäre es am zwekmäßigsten, wenn die Direktion den Hrn. Dr. G. Vogt um die Abfaßung der Rükäußerung ersuchen würde, was den Vortheil hätte, daß Sie die ganze Materie mit demselben persönlich besprechen könnten.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr es mich anwidert, daß Ihre & Anderer Zeit & Thätigkeit mit dieser Hellwagiade in Anspruch genommen werden; allein die Pestbeule muß einmal von der Gotthardbahn entfernt & der Krieg ausgefochten werden. – |

Genehmigen Sie bei diesem Anlaße die erneute Versicherung ausgezeichneter Hochachtung

v. Ihrem freundschaftlich ergebenen

J. Zingg.

Luzern d. 29. Sept. 1878. –

Kommentareinträge

1 Vgl. Hellwag, Gotthardbahn; Josef Zingg an Alfred Escher, 7. September 1878; Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878.

2 Vgl. Prot. VR GB, 7. September 1878 (S. 215).

3Beilage nicht überliefert.

4 «Es liegt in dem allbekannten Charakter des Herrn Escher begründet, dass eine selbständige Thätigkeit neben ihm nicht bestehen kann. Die Existenz eines, wenn auch durch seine Aufgabe noch so berechtigten Organismus neben ihm, der seinem Urtheil und seiner Macht mehr oder weniger entrückt sein muss, erfüllt ihn mit Unbehagen und von Anfang konnte er sich deshalb einer gewissen eifersüchtigen und argwöhnischen Einmischung in meine Wirkungssphäre und einer Art Bevormundung meiner Person nicht enthalten. [...] Seine Billigung oder Missbilligung über fremdes Vorhaben pflegte er schon auszusprechen, ehe der eigene Entschluss oder das eigene Urtheil zur Reife gelangt war. Von den seinigen abweichende Ansichten machten ihn verdriesslich; Einwendungen gegen seine Verfügungen oder gar selbständige Handlungen, selbst wenn sie wohlbegründet waren, wollte er nicht dulden, über geringe Versäumnisse oder Fehlgriffe, wie sie im Geschäftsleben unmöglich ganz ausbleiben können, gerieth er in heftigen Zorn. Ruhiger Meinungsaustausch und objective Verhandlung mit Grund und Gegengrund waren deswegen fast unmöglich.» Hellwag, Gotthardbahn, S. 34.

5Beilagen 1, 2, 3 und 5 nicht ermittelt.

6 Hermann Eduard Zähringer (1823–1880), Grossrat (LU), Chef des Büros der Rechnungsrevision der Gotthardbahn-Gesellschaft.

7 Vgl. Schreiben Konrad Wilhelm Hellwag an Dir. GB, 31. Januar / 1. Februar 1877 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB03_010 ); Prot. Dir. GB, 4. Februar 1877; Alfred Escher an Josef Zingg, 2. Februar 1877.

8 Vgl. Entwurf des I. Departements der Direction der Gotthardbahn zu einem Vertrage betreffend Ausführung des Baues der noch nicht in Angriff genommenen Linien des reduzirten Netzes der Gotthardbahn im Generalakkorde (à forfait) (vom 25. Mai 1878) (SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_048 ); Josef Zingg an Alfred Escher, 16. September 1878.

9Die «Beleuchtung der Antwort des Herrn Oberingenieur Hellwag » trägt das Datum vom 15. Oktober 1878. Allerdings scheint zu diesem Zeitpunkt erst eine Rohfassung existiert zu haben. Vgl. Direktion GB, Hellwag, S. 3; Josef Zingg an Alfred Escher, 22. November 1878; Josef Zingg an Alfred Escher, 17. Oktober 1878, Fussnote 3; Josef Zingg an Alfred Escher, 24. Oktober 1878.

10 Vgl. Bericht der Direction der Gotthardbahn an den Verwaltungsrath über die Beziehungen der Gesellschaft zu ihrem Oberingenieur. Luzern, 16. August 1878, in: Hellwag, Gotthardbahn, S. 3–5.