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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B3209 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#547*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 376

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Dienstag, 17. September 1878

Schlagwörter: Eisenbahngesellschaften Krise/Rekonstruktion, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB)

Briefe

Bern 17. Sept. 1878.

Hochgeehrter Herr und Freund

Ich danke Ihnen für die gestrige erfreuliche Mittheilung.1 Die einmüthigen Beschlüsse der grossen Räthe müssen im Canton Waadt Eindruck machen.2 Selbst wenn eine Abstimmung stattfinden müsste halte ich die Sachlage immer noch für günstig, | so schreibt mir soeben Bavier, dass in diesem Falle Graubünden mit ⅔ Stimmen zum Compromiss3 stehen würde. Gestern habe ich Herrn Kinel4 gesprochen, der nach dem Gotthard geht. Er ist sehr gut gestimmt; dagegen ist die Gefahr vorhanden, dass Deutschland dieses Jahr die fixe Annuität auch nicht bezahlt, wenn Italien sie verweigert.5 So | lange die Bestimmung fortdauert dass vor der Reconstruction die fixe Annuität der Gesellschaft nicht herausgegeben werden darf, hat die Weigerung der Zahlung nicht sehr viel zu sagen.

Auf die Idee ist jedoch Kinel eingegangen, dass auf irgend eine Weise dafür gesorgt werden müsse, dass sofort die längeren Tunel angefangen werden können6, sei es dass man | dafür die Mittel aus der Annuität oder der Caution enthebt.

Die grosse Schwierigkeit ist nun die Vergebung der Arbeiten7 und finanzielle Frage. Um über den ersten Punct näheren Aufschluss zu erhalten habe ich mich an Herrn Feer gewandt, bin aber noch ohne Antwort.

Wenn Sie mich wieder mit einem Briefe erfreuen, so bitte ich um Nachrichten über Ihre Gesundheit; mit der meinigen habe ich letzter Zeit wenig Grund zufrieden zu sein.

Ihr

E Welti

Kommentareinträge

1Dokument nicht ermittelt. – Vermutlich betraf die erwähnte Mitteilung Eschers die am 16. September 1878 erfolgte einstimmige Annahme des Dekrets über die Nachsubvention des Kantons Zürich in Höhe von 502 500 Franken durch den dortigen Kantonsrat. Escher war Mitglied einer Kommission, die diesen Gegenstand vorbereitete. Vgl. NZZ, 19. August 1878, 17. September 1878.

2Das eidg. Referendum über die Nachsubvention wurde zu einem beträchtlichen Teil vom Kanton Waadt getragen. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 18.

3Gemeint ist der von National- und Ständerat im August angenommene Kompromiss zur Finanzierung der Schweizer Nachsubvention, nach welchem der Bund 4,5 Mio., die Kantone 2 Mio. Franken übernehmen sollten. Die Rekonstruktion der Gotthardbahn, Absatz 15.

4 Albert Kinel (1825–1911), Geheimer Oberregierungsrat im Reichskanzleramt des Deutschen Reichs, zuständig für Elsass-Lothringen.

5Die fixe Annuität für das sechste Baujahr wurde 1878, wie im Jahr zuvor, von Deutschland und den schweizerischen Subventionszahlern überwiesen und beim Bundesrat hinterlegt, während Italien seinen Beitrag zurückhielt. Nach erfolgter Rekonstruktion des Unternehmens wurden die Beiträge 1879 an die Gesellschaft ausgezahlt. Italien entrichtete ebenfalls die bislang zurückgehaltenen Annuitätszahlungen. Vgl. Geschäftsbericht GB 1877, S. 9–10; Geschäftsbericht GB 1878, S. 11; Geschäftsbericht GB 1879, S. 15.

6Das Netz der Gotthardbahn-Gesellschaft umfasste verschiedene Tunnel mit einer Länge zwischen ca. 1100 m und ca. 1900 m, darunter die drei Kehrtunnel auf der Nordseite des grossen Gotthardtunnels und vier Kehrtunnel auf der Südseite. Die Arbeiten an diesen Tunneln waren Ende 1875 eingestellt worden und wurden noch im Spätherbst 1878 wieder aufgenommen. Bei den längsten Tunneln, die in Handarbeit nicht mehr termingerecht fertiggestellt werden konnten, wurde mechanische Bohrung eingesetzt. Vgl. Geschäftsbericht GB 1878, S. 21–22; Jakob Kauffmann an Alfred Escher, 28. Oktober 1876.

7Für die Vergabe der Arbeiten für den Unterbau, der eisernen Brücken, der Schwellen und der Schienen der Zufahrtsstrecken holte die Gotthardbahn-Gesellschaft bereits im Herbst 1878 Offerten von Bauunternehmern und Lieferanten ein; im Frühjahr 1879 wurden die Verträge abgeschlossen. So konnte Mitte Mai 1879, als die Rekonstruktion der Gotthardbahn-Gesellschaft als gesichert gelten konnte, der Auftrag zur Inangriffnahme der Arbeiten erfolgen. Vgl. Geschäftsbericht GB 1878, S. 21–22; Geschäftsbericht GB 1879, S. 22–28.