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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B3208 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#569*

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 375

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Montag, 16. September 1878

Schlagwörter: Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Tunnelbau

Briefe

Gotthardbahn.
DIRECTION.

Luzern d. 16. Sept. 1878.

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich danke Ihnen bestens für Ihre gestrige telegraphische Avisirung1 des Besuches des Hrn. Vitali2, der uns vor einigen Tagen auch durch das schweiz. Eisenbahndepartement speciell empfohlen worden ist. Derselbe hat sich heute in Begleit eines Hrn. Méric3, welcher mit einem deutschen Ingenieur4 schon seit mehrern Tagen mit der Prüfung der Pläne & Kostenvoranschläge beschäftigt ist, bei mir präsentirt & eine Offerte, sei es zur Uebernahme der Arbeiten à forfait oder auf Einheitspreise in Aussicht gestellt.5 Er be| merkte, daß er bei seinen bisherigen größern Unternehmungen gewöhnlich auch für die Finanzirung mitgewirkt habe, worauf ich ihm bemerkte, daß es der Gesellschaft sehr willkommen sein werde, wenn er auch in dieser Richtung derselben einen Vorschlag unterbreiten werde. Da seine Leute, wie sie erklären, zur Prüfung des Materials noch 8 Tage Zeit bedürfen, so gehe er einsweilen zu Hrn. Hentsch6 nach Genf & gedenke auf Ende der Woche sich wieder einzufinden, um sodann das Traçe zu begehen. Auf die Anfrage des Hrn. Vitali, wann die Gesellschaft in der Lage sein werde, einen Vertrag abzuschließen, erwiderte ich, daß dieß | etwa in den Monaten Nov. oder Dec. der Fall sein dürfte, wenn auch nur noch conditionell. –

Die Hrn. Dubos, Capy & Cie haben die Erklärung abgegeben, daß sie die Haftbarkt. für ihr Offert bis 1. Jan. 79 verlängern.7 Eine ähnliche Erklärung hoffe ich in den nächsten Tagen auch von der schweiz. Baugesellschaft 8 zu erhalten, so daß man gutfindenden Falls vor Abschluß der Referendumsfrist9 sich nicht zu entscheiden braucht. –

In Sachen Hellwags ist nichts weiter gegangen. Er wird jetzt an seiner Verantwortung10 arbeiten. Hinwieder ist gestern wieder eine bezeichnende Thatsache zu meiner Kenntniß gelangt. H. hat kürzlich wieder einen seiner tendenziösen Berichte über | Mangel an Ordnung, Disciplin & Energie der Unternehmung Favre's in Göschenen erstattet. Favre hat darauf eine Verantwortung Stokalpers11 mitgetheilt, in welcher u. a. die Stelle vorkommt: er müße H. ein eigenes Urtheil in der Sache absprechen, da derselbe seines Wißens seit 2 Jahren den Tunnel in Göschenen nicht mehr besucht habe.!

Hrn. Dr. Vogt halte ich über die Vorgänge auf dem Laufenden, damit er zur gegebenen Zeit in der Lage ist, H. gehörig zu antworten. –

Indem ich Ihnen noch Ihre gefällige Verwendung bei Hrn. Oberst Hertenstein12 verdanke & einer entsprechenden Entschließung desselben entgegensehe verbleibe in freundschaftl. Hochachtung

Ihr ergebener

J. Zingg.

Kommentareinträge

1Telegramm Escher an Josef Zingg, 15. September 1878 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_062).

2 Philippe Vitali (1830–1909), französischer Ingenieur und Eisenbahnunternehmer, Gründer der Entreprise de chemins de fer Vitali, Picard et Compagnie, der Ph. Vitali und Compagnie sowie der Société de Régie générale des chemins de fer.

3Person nicht ermittelt.

4Person nicht ermittelt.

5Die Gotthardbahn-Gesellschaft erarbeitete in der ersten Jahreshälfte 1878 die Grundlagen für die Vergebung der Bauarbeiten im Generalakkord (à forfait) und trat diesbezüglich in Verhandlungen mit verschiedenen Bauunternehmen. Der Bundesrat äusserte in der Antwort auf eine Anfrage der Gesellschaft den Wunsch, dass auch Submissionen «für Uebernahme der Arbeiten zu Einheitspreisen und auf Ausmaß erhältlich gemacht würden» . Prot. BR, 24. August 1878. Vgl. Geschäftsbericht GB 1878, S. 22. – Vgl. Entwurf des I. Departements der Direction der Gotthardbahn zu einem Vertrage betreffend Ausführung des Baues der noch nicht in Angriff genommenen Linien des reduzirten Netzes der Gotthardbahn im Generalakkorde (à forfait) (vom 25. Mai 1878) (SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_048 ).

6Vermutlich Charles-Emile Hentsch (1826–1902), teilhabender Geschäftsführer des Bankhauses Hentsch und Compagnie in Genf, Verwaltungsratspräsident der Compagnie Genevoise pour l'Industrie du Gaz.

7 Vgl. Schreiben Dubos, Capy und Compagnie an Josef Zingg, 9./14. September 1878 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_062 ).

8Die Schweizerische Baugesellschaft, ein Konsortium von drei Baugruppen, reichte ihre Offerte am 14. Juli 1878 ein. Vgl. Schreiben Fritz Müller, Giovanni Marsaglia, Gottlieb Ott an Dir. GB, 14. Juli 1878 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB02_062 ).

9Die Referendumsfrist gegen das Bundesgesetz betreffend Gewährung von Subsidien für Alpenbahnen vom 22. August 1878 war auf den 24. November 1878 angesetzt. Vgl. Prot. BR, 23. August 1878.

10 Vgl. Hellwag, Gotthardbahn; Josef Zingg an Alfred Escher, 29. September 1878.

11 Ernest von Stockalper (1838–1919), Walliser Ingenieur, Angestellter der Unternehmung Favre, technischer Leiter der Nordseite des Gotthardtunnels.

12 Wilhelm Friedrich Hertenstein (1825–1888), Regierungsrat und Nationalrat (ZH), Verwaltungsrat der Gotthardbahn-Gesellschaft.